Selbstversuch mit Pop II

„The Dead South“ in Bremen 2019

Nein, ich würde nicht sagen, dass ich mich ohne meinen Sohn als Alibi nicht hingetraut hätte. Aber ich wollte immerhin das Experiment wagen, nach etwas über 40 Jahren wieder ein Konzert mit neuer (Pop)Musik zu besuchen, für die ich mich erwärmt hatte. Folglich hegte ich die kleine Sorge, allzu erkennbar der Älteste zu sein. Und wer will das schon?

Ich habe in den siebziger Jahren gerne Konzerte besucht; und die Erinnerungen daran sind grandios: Genesis (auf der berühmten „Lamb lies down on Broadway“-Tour), J.J. Cale, Weatherreport, Chicago, Chick Korea, Doldingers Passport. Aber Anfang der achtziger Jahre dachte ich: Das ist jetzt genug. Man ist nur einmal jung, und eine Jugend im Pop, so Steely Dan in „Hey Nineteen“, geht besonders schnell zu Ende. Peinliche Nachspiele und Reprisen wollte ich seitdem unbedingt vermeiden.

So vergingen ein paar Jahrzehnte, bis es mich letztes Jahr in den „Toten Süden“ verschlug, natürlich via YouTube. The Dead South ist eine kanadische (!) Bluegrass-Folk-Band, deren Mitglieder noch nicht geboren waren, als die eher biedere Folkmusik rund um Woodstock mit dem Pop fusionierte. Die Instrumentierung von The Dead South ist allerdings alles andere als revolutionär: Bass, Gitarre, Mandoline und vor allem: Banjo; und ziemlich traditionell ist der bisweilen mehrstimmige, betont rauhe, kehlige oder krächzende Männergesang. Traditionell sind schließlich auch die Texte, die in immer neuen Variationen davon handeln, dass man’s nun wahrlich nicht leicht hat im Leben. So what?

Nun, mir hatte das einfach gefallen. Der Song „In hell I´ll be in good company“ hatte einen Raum in meinem Musikherzen betreten, der eigentlich als gesperrt für Neuzugänge galt. Wie konnte das passieren!

Meine erste, leicht (selbst)kritische Erklärung war: The Dead South sind ein typisches Internet/YouTube-Phänomen. Unter analogen Umständen wären sie wahrscheinlich eine von Hunderten solcher Bands geblieben, die durch die Kernländer des Folk tingeln und in halbvollen Clubs spielen. Aber ein einziger höchst eingängiger Song („In hell…“) und ein simples, aber cool geschnittenes Video bescheren der Band in zweieinhalb Jahren 117 Millionen Aufrufe, was selbst für YouTube eine sehr stattliche Zahl ist. Also folgt nach den Gesetzen des Internets die Platte (altmodisch gesprochen), die erste Europatour durch Clubs und die zweite durch mittelgroße Hallen. So ist das heute nun mal.

Ich selbst wäre in diesem Erklärungsmodell ein kleiner Musikhörerfisch, der sich im ungeheuer weiten Schleppnetz eines Internetauftritts verfangen hat. Oder mit einem anderen Bild: Nicht ich bin zur Musik gekommen, sie kommt vielmehr wie ein Virenangriff in mein Endgerät, und dort gelingt es einem Partikelchen, mein medienskeptisches Immunsystem zu umgehen und es in den gut verschlossenen Kern meines musikalischen Emotionszentrums zu schaffen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ (Goethe)

Aber ist das wirklich so? Im Fall von The Dead South wollte ich die Probe machen, und also besuchte ich mit meinem Sohn eines der ersten diesjährigen Konzerte der Band in Bremen. Beim Betreten der Halle fiel mir gleich ein kleiner Stein vom Herzen. Tatsächlich lag ich (62) zwar ein Stück über dem Durchschnittsalter der Besucher, aber der älteste vor Ort war ich nun wirklich nicht! Ziemlich früh gekommen, konnte ich durch die noch lichten Reihen stromern und hier und da Sozialstudien qua Interviews betreiben. So traf ich auf Folk- und Bluegrass-Fans in allen Altersstufen, die gewohnheitsmäßig die Szene nach Newcomern durchsuchten. Unübersehbar war auch eine gewisse Anzahl von ganz speziellen Fans der Band, erkennbar daran, dass sie deren schlichten, aber auffälligen Dresscode übernommen hatten: schwarze Hose, weißes Hemd, Hosenträger.

In der Überzahl schienen mir allerdings nach meiner stichprobenhaften Umfrage die Leute zu sein, denen (wie mir) das Genre und seine Traditionen nicht besonders nahe standen, sondern die (wie ich) auf den besagten YouTube-Song gestoßen waren und spontan beschlossen hatten, ihn und die Band gut zu finden. Ich traf auf Mittzwanziger, die ihre Eltern, und auf Mittfünfziger, die ihre Kinder mitgebracht hatten, nachdem sie sie für die Band begeistert und zu einem Familienbesuch bewogen hatten.
Als die Halle schließlich gefüllt war, mit etwa 1000 Menschen, sortierte sich das Publikum erkennbar nach Alter und, damit verbunden, nach dem Grad der Bereitschaft zur anlassgerechten Exaltation. Direkt vor der Bühne sammelte sich rechts eine größere Fraktion der eher Jüngeren, gemäßigt schwofend, klatschend und mitsingend, (viele Nerds, so mein Sohn), links eine kleinere Gruppe älterer Rockfans mit traditionellem Erscheinungsbild und Habitus. Auf den Tribünenrängen stieg das Alter der Besucher nach oben hin an. Ganz unterm Dach konnte man sich auch mal ein Viertelstündchen hinhocken, ohne unangenehm aufzufallen oder den Kontakt zum Geschehen zu verlieren. Auf den Seitengalerien schließlich saß das Publikum die ganze Zeit und nahm dabei eine Zuhör-Haltung ein, als agierte unten auf der Bühne ein Kammermusik-Quartett.

Matthias Polyticki hat die späteren Auftritte der Rolling Stones einmal „betreutes Wohnen auf der Bühne“ genannt; das galt nun nicht für Bremen, wo der Altersdurchschnitt der Zuschauer vielleicht ein bisschen über dem der Band lag. Mich erinnerte die ganze Veranstaltung vielmehr an die oft beschworene Koexistenz im Mehrgenerationenhaus, wo die altersbedingt recht verschiedenen Lebensformen einen friedlichen Ausgleich finden. Tatsächlich wurde in Bremen der extreme Flügel der Veranstaltung in Gestalt der besagten Altrocker auch bald schon von einem (weiblichen!) Roadie nachdrücklich in die Schranken gewiesen, als er sich etwas zu sehr im Habitus von Punk Rock Konzerten gefiel.
Über das Vorprogramm kein Wort als dieses: Es war nett, wurde freundlich behandelt und hingenommen. Besonders die Älteren murrten ein wenig über die anderthalb Stunden Verzögerung. Ich selbst bekam gute Gelegenheit, meine improvisierten Ohrenstöpsel (zerkaute Eintrittskarte) zu platzieren.

Um 21:30 Uhr dann endlich: The Dead South. Deren Besetzung hatte in den letzten Jahren mehrfach gewechselt; doch für die Tour war man zu exakt der zurückgekehrt, die das 117 Millionen YouTube Video in die Welt gesetzt hatte. War der Grund dafür, dass man den Besuchern keinen Unterschied zwischen der digitalen und der analogen Welt zumuten wollte? Ich vermute das, ohne sarkastisch sein zu wollen. Ansonsten war der Auftritt schnörkellos, professionell und hochgradig erwartbar. Wenn ich die Augen schloss, hörte ich durch meine anderthalb Zentimeter zerkauter Pappe ziemlich genau das, was ich aus dem Netz kannte.

Ein bisschen schwer taten sich beim Publikum, wie das immer so ist, die neuen Songs gegenüber den „alten“ Hits. Und nicht ganz leicht machte es die Musik dem aktiveren Teil der Zuhörerschaft, sich restlos in sie hinein zu grooven, also körperlich eins mit ihr und der ganzen Veranstaltung zu werden. Dafür sind The Dead South zu sophisticated, dafür muten sie dem Publikum zu viele Tempowechsel und dramatische Pausen zu; der Bassist schließlich spielt auf einem Cello, das auch immer wieder nach Cello klingt. Mir ging durch den Kopf, ob ich so kühn sein könnte, The Dead South die Steely Dan des Bluegrass zu nennen? Ich tue das jetzt, unter Vorbehalt. Allerdings war das Banjo, das beim Bluegrass das Schlagzeug ersetzt, immer wieder in der Lage, dem Rhythmus Dominanz zu geben. Ein paar Akkorde, und man war wieder „drin“.
Anderthalb Stunden, zwei Zugaben, darunter der zweite Ohrwurm „Banjo Odyssee“, dann war zu Ende, was doch recht gut als analoge Entsprechung zu einem digitalen Phänomen funktioniert hatte. Draußen vor dem Schlachthof in Bremen sprach ich noch einmal eine Reihe von Besuchern jeden Alters an. Ausnahmslos klangen sie wie hoch zufriedene Kunden. Die einen wollten jetzt noch in die Stadt feiern gehen, die anderen möglichst rasch in ihren Kombi und dann ins Bett.

Ich sah, wie sie sich zerstreuten. Beim Genesis-Konzert 1975 hatten noch alle Parka getragen, gehörten einer Alterskohorte an, wählten alle Links und rauchten Dope. Beim Wort Folkmusik hätten die meisten an lauter böse Dinge gedacht. Seitdem hat sich im Musikleben viel verändert. Alles zum Guten? Vielleicht eher: nein? Aber es war doch ein schöner Abend, und so blieb mir auf der Heimfahrt die pessimistische Kulturkritik im Halse stecken. Übrigens genau so wie der selbst gebaute Stöpsel in meinem linken Ohr!

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