Aktuelles

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23. August 2020

Ich möchte an diese Stelle ein Kunst/Literaturprojekt vorstellen, das ich zusammen mit der Künstlerin Anastasiya Nesterova erarbeitet habe, das

Emblembuch der abgewünschten Dinge

Der Satz geht um, dass nach Corona nichts so sein werde wie vorher. Keine Fernurlaube mehr, kein Verbrennungsmotor etc. Das mag man glauben oder nicht, aber warum nicht die Gelegenheit beim Schopfe packen? Sollte es durch Corona tatsächlich zu einer „Umwertung aller Werte“ und zu flächendeckenden Veränderungen kommen, dann sollte man auch bereit und in der Lage sein, die eigenen und womöglich etwas kleiner dimensionierten Anliegen in das große Paket des Wandels zu schmuggeln. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn Corona den Einzelhandel und die Warenhäuser vernichtet, dann könnte es doch im selben Aufwasch auch den Wegwerfkugelschreiber vom Antlitz der Erde tilgen, diese Verhöhnung der Schreibkultur und Belastung der Natur.

Das Projekt besteht aus zwei Teilen.

Im ersten wird es darum gehen, eine Hitparade der Dinge aufzustellen, deren Verschwinden erwünscht ist. Durch Befragungen soll ermittelt werden, welche unerfreulichen oder gar unerträglichen Selbstverständlichkeiten des modernen Alltags die Menschen auf einer Abschaffungs-Liste sehen möchten. Diese Befragung ist ausdrücklich Teil des Projektes! Sie wird über klassische Flyer ebenso wie über digitale Plattformen oder eine traditionelle Medienberichterstattung durchgeführt.

Im zweiten Teil geht es um die Gestaltung eines „Emblembuchs der abgewünschten Dinge“. (Arbeitstitel) Die Künstlerin Anastasiya Nesterova wird in der Tradition der barocken Emblembücher „Denkbilder“ schaffen, die ex negativo die neue Welt durch die erwünschte Abwesenheit von Alltagsgegen- und -umständen erklärt und erschafft. Die Texte wird Burkhard Spinnen verfassen.

Beabsichtigt ist eine Gestaltung dieses Kompendiums, die es zulässt, die einzelnen Embleme weiter zu kommunizieren, sei es im Ganzen als Buch oder Kalender, sei es im Einzelnen als Handzettel oder Postkarte, sei es als Internetadresse. Ausstellungen und Präsentationen/Performances auf Grundlage der Embleme sind denkbar, insoweit sie zu einer weiteren kritischen Prüfung unseres von schädlichen und störenden Dingen und Umständen überlasteten Alltags stimulieren können.

Anastasiya Nesterova wurde 1979 auf der Krim/Ukraine geboren. 1999 Kunststudium in Odessa. 2005-2009 Studium an der FH Münster, Fachrichtung Illustration, Schwerpunkt Druckgraphik, Diplom. Lebt seit 2005 in Münster. Seit 2006 über 100 Ausstellungen und 30 Stipendien in Deutschland und Europa. Dozentin für Druckgraphik und Buchbinderei an verschiedenen Bildungseinrichtungen im In- und Ausland. Mitglied beim Bund Bildender Künstler NRW. Ausführliche Informationen unter www.anastasiya-nesterova.de

18. Juni 2020

Um 1970 herum zogen meine Großeltern in das Hochhaus bei uns um die Ecke. Sie waren alt und kränklich, und jetzt hatte meine Mutter, die ihnen den Haushalt machte, es nicht mehr so weit. Einmal fuhr ich mit meinem Großvater im Aufzug. Es war Abend. Dass der Mann so gar keinen Feierabend bekomme, der arme Kerl, sagte mein Opa. Ich grübelte ein bisschen, dann verstand ich, was er meinte. Das private Aufzugfahren war für ihn eine neue Praxis, und offenbar nahm er an, dass irgendwo in der Nähe der Aufzüge jemand sitzen müsse, der per Knopfdruck in der Kabine Befehle empfange und daraufhin die Kabine an die richtige Position steuere. In seinem Hochhaus machte der Betreffende jetzt Überstunden.

Ich selbst war damals 14 und wusste nicht genau, wie ein Aufzug funktionierte. Aber ich wusste, dass da niemand sitzt. Die Sache funktionierte automatisch, was immer das bedeuten mochte. Ich habe mich damals für meinen Großvater geschämt. Er hatte sein Leben lang in einer Fabrik gearbeitet, er hatte ein Moped besessen, dass er auseinandernehmen und wieder zusammenbauen konnte; aber jetzt hatte die technische Gegenwart ihn offenbar abgehängt. Den Zusammenhang zwischen einem Knopfdruck und einer zielgenauen Aufzugfahrt kriegt er nicht mehr auf die Reihe.
Ich habe diese Episode nie vergessen, und sie hat dafür gesorgt, dass sich eine Frage in meinem Kopf eingenistet hat: Was, so lautet die Frage, welches Ding, welchen Vorgang wirst du einmal nicht mehr verstehen? Verstehen können oder verstehen wollen, das spielt keine Rolle. An welchem Meilenstein der technischen oder gesellschaftlichen Entwicklung wirst du stehenbleiben und der Zeit hinterherschauen, die dich gerade zurücklässt?

Ich will nicht alle Meilensteine aufzählen, die mir damals noch bevorstanden, nur die wichtigsten: Ein eigenes Auto – aber bitte schön! Farbfernsehen mit Fernbedienung, Kassettenrekorder, – kein Problem! Elektronische Schreibmaschine – immer gerne! Der erste PC mit 2 Laufwerken für Floppydisks, MS-DOS, Wordstar 3.1, 9-Nadeldrucker – herzlich willkommen! Walkman, gigantische Festplatten, Internet, Download von Tools, Smartphone, WhatsApp, Smarthome, Social Media, Porträtbearbeitung per Photoshop, digital angebahnte Freundschaften und so weiter und so weiter – ja, bitte, immer her damit! Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.

Aber jetzt, im Frühjahr 2020, komme ich mir gelegentlich vor, als stiege ich zu meinem Großvater in den Aufzug. Die Einrichtung und „Pflege“ meiner eigenen Webseite – ja, ich lerne (unter sehr freundlicher Anleitung!), wie das funktioniert. Aber immer, wenn ich mit dem entsprechenden Programm arbeite, beschleicht mich das Gefühl, ich könnte demnächst ans Ende meiner technischen Zeitgenossenschaft kommen. WordPress könnte womöglich der Knopf sein, den ich noch zu drücken vermag, ohne allerdings zu begreifen, was ich damit tatsächlich auslöse.

Zugegeben, ich bin ein leicht hypochondrisch veranlagter Mensch, und das betrifft meinen Geist ebenso wie meinen Körper. Schon etliche Male ist es mir gelungen, ganz ohne fremde Hilfe einen Text auf meine Webseite zu stellen. Und wann immer mir das gelingt, bin ich ziemlich stolz darauf. Allerdings befürchte ich jedes Mal, in diesem Bereich zu agieren wie Goethes Zauberlehrling. Der hatte auch ein neues Programm gelernt, aber die Folgen seiner neugewonnenen Macht vermochte er weder abzuschätzen noch zu kontrollieren. Folglich nahm man ihm den Besen wieder weg.

10. Mai 2020

Der 4. Corona-Brief „Schicksalsfragen“ ist online.

07. Mai 2020

Seit heute ist meine persönliche Seite im Internet frei zugänglich. Das ist ein verschwindend kleiner Schritt in der digitalen Geschichte der Menschheit, für mich war es allerdings ein Sprung über den eigenen Schatten. Lange Jahre war ich mir sicher, eine solche Seite nicht zu brauchen und nicht zu wollen. Immerhin gab (und gibt) es die Verlage, allen voran meinen Hausverlag Schöffling & Co., sowie die Printmedien und den Rundfunk, die für eine Verbreitung meiner Arbeiten sorgen.

Erst vor etwa einem Jahr kam mir die Idee, ein externes Archiv für meine Textarbeit der letzten dreißig Jahre einzurichten. Es sollte nicht zuletzt ein Stimulans sein, aus dem mehr oder minder chaotischen Dschungel meiner Festplatte herauszuziehen und einigermaßen übersichtlich zu ordnen, was ich persönlich des Aufbewahrens für wert halte.

Die Agentur medlay (Münster) hat meine Seite für mich eingerichtet, ganz nach meinen Absichten, die sich wahrscheinlich von denen der allermeisten Webseiten stark unterscheiden. Ich danke der Grafikerin Miriam Benassi sehr herzlich dafür, dass sie meine wohl etwas verschrobenen Vorstellungen zu meiner glücklichen Zufriedenheit digitalisiert hat, sowie dafür, dass sie mich dazu anleitet, meine Seite selbst zu betreuen.

In den nächsten Wochen werde ich die Rubrik Texte weiter auffüllen. An dieser Stelle werde ich den Fortschritt der Arbeiten protokollieren.

Über meine ursprünglichen Absichten hinaus wird diese Seite meine Corona-Briefe enthalten, in denen ich einmal in der Woche meine persönliche Sicht auf die Pandemie und ihre Begleiterscheinungen schildere.

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