Mein erstes richtiges Buch

Über den Mord an John F. Kennedy im November 1963
(2017)

Im Jahr 2007 verlor ich bei beim Crash einer externen Festplatte meine Digitalfotos aus den letzten anderthalb Jahren. Der Verlust war einigermaßen zu verschmerzen, ich bin kein engagierter und nicht einmal ein fleißiger Fotograf. Nur um eine Handvoll Bilder tut es mir bis heute leid. Sie zeigen mich im Mai 2006 in Dallas, genau an dem Ort, an dem 43 Jahre zuvor John F. Kennedy ermordet wurde. Auf den Fotos stehe ich an der Straße am Dealay Plaza, genau an der Stelle, von wo aus man das Fenster sehen kann, aus dem Oswald schoss. Und ich stehe auf dem Grassy Knoll, einem kleinen Hügel, auf den sich bis heute diverse, sagen wir, alternative Theorien zu den Urhebern des Attentats konzentrieren.

Ich hatte meine Gastgeber in Dallas sofort nach meinem Eintreffen und vollkommen unverblümt gefragt, ob sie mich an diesen Ort bringen könnten. Wahrscheinlich strapazierte ich ihre Gastfreundschaft damit ziemlich arg. Doch es wäre mir unerträglich gewesen, womöglich ein einziges Mal in meinem Leben in Dallas zu sein und diesen Ort nicht gesehen zu haben. Sie fuhren mich also hin, ließen mich sogar eine Viertelstunde allein, ohne dass ich danach gefragt hatte. Anschließend machten sie die Fotos.
Was aber wollte ich an der Dealay Plaza? Ich bin gar kein Kennedy-Fan. Nach allem, was ich gelesen habe, denke ich, man sollte ihn eher zu den überschätzten Figuren des 20. Jahrhunderts zählen. Als der Präsidentschaftskandidat Barack Obama immer wieder mit Kennedy verglichen wurde, fand ich das heikel. Denn Kennedys politische Bilanz fällt, von heute aus betrachtet, doch eher negativ aus. Außerdem missfällt mir an ihm, dass er, wie viele amerikanische Präsidenten, aus einer Art Geldadel stammte; sehr demokratisch ist das nicht.
Warum also wollte ich zur Dealay Plaza und auf den Grassy Knoll? Der Grund war, dass mit Kennedys Ermordung am 20.11.1963 mein bewusstes Leben begonnen hatte. Ich wollte also, auch wenn das vielleicht zu pathetisch gesagt ist, zurück an den Ort meiner Geburt.
An meine ersten sechs Lebensjahre habe ich kaum Erinnerungen; und das wenige, das ich erinnere, ist wahrscheinlich nur eine Sammlung kurzer Texte zu unseren Familienfotos, von meinen Eltern mir vorgesprochen, bis ich glaubte, ich erinnerte mich. Allerdings soll jetzt kein Missverständnis aufkommen: Ich beklage mich nicht! Im Gegenteil. So wenig zu erinnern, bedeutet ja möglicherweise, nichts besonders Schlimmes erlebt zu haben.
Meine eigene, wirklich nur mir gehörende Erinnerung setzt, dessen bin ich mir sicher, am Abend des 20.11.1963 ein. Als Kennedy in Dallas erschossen wurde, war es in Deutschland 19.30 Uhr. Ich vermute, dass mit der Tagesschau um 20.00 Uhr die Nachricht nach Deutschland kam; die Hörfunkstationen können sie allenfalls ein paar Minuten früher verbreitet haben.

Ich erinnere mich an die Anwesenheit meines Vaters. Er war Angestellter in einer Maschinenfabrik und machte damals so viele Überstunden, dass ich ihn unter der Woche oft weder beim Frühstück noch beim Abendessen sah. Jetzt saßen wir zusammen vor dem Fernseher. Ich erinnere mich an seine Anspannung. Der kräftig gebaute Mann, 40 Jahre alt, damit nur sechs Jahre jünger als der erschossene Präsident und ebenso wie er im Zweiten Weltkrieg ein junger Offizier, war offenbar in großer Sorge. Und was ist schlimmer für ein Kind als die Angst seiner Eltern zu spüren. Angst hatte ich damals selbst, und mehr als genug, vor allem Möglichen. Also waren meine Eltern dazu da, diese Angst zu vertreiben, sie für unbegründet zu erklären. Doch jetzt fürchteten sie sich. Wenn das die Russen waren, kriegen wir wieder Krieg, sagte mein Vater. Den Satz habe ich noch im Ohr.

Dabei hatte das Jahr 1963 für mich so gut begonnen. Damals noch zu Ostern eingeschult, hatte ich im November schon ein halbes Schuljahr hinter mir. Und das hatte gereicht, im Grunde für alles. Meine Lehrerin war eine Frau Schmitz, ihren Vornamen erfuhren wir nie. Ihr Geburtsdatum schätze ich auf 1895, sie tat damals bereits über die Pensionsgrenze hinaus Dienst, um uns Kinder der geburtenstarken Jahrgänge zu unterrichten, und sie tat das nach einer Methode, die sie womöglich noch im Kaiserreich gelernt hatte. Das ging so: Jeden Tag präsentierte sie uns einen neuen Buchstaben, mit dem wir unsere Schiefertafeln vollschrieben, um ihn anschließend mit den schon gelernten Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen. Keine „Ganzheitsmethode“, wie sie kurz darauf eingeführt wurde und für Aufregung sorgte, kein subtiles Eingehen auf die Wahrnehmungsmethoden und die Lernstrategien von sechsjährigen Kindern. Stattdessen die „lautsynthetische Methode“, die diesen angestrengten Terminus kaum verdient. Ich vermute, Frau Schmitz wird ihn gar nicht gekannt haben. Ihr Unterricht vollzog sich nach einem Muster, dass ihr wahrscheinlich selbstverständlich erschien: Ein m macht mmmm, ein u mach uuuuu. Also macht m + u? Richtig: mu. Kurz nach Ostern begann sie mit diesem altpreußischen Buchstaben-Exerzieren, Pfingsten war sie damit durch, zumindest bei mir. Vielleicht war mir der lautsynthetische Drill irgendwie entgegengekommen, jedenfalls konnte ich jetzt lesen. Und das war’s! Natürlich bin ich weiter zur Schule gegangen, noch ganze zwölf Jahre, aber etwas auch nur annähernd vergleichbar Relevantes stand nicht mehr auf dem Lehrplan.

Allerdings war der kleine Haushalt meiner Eltern arm an Lesestoff, sehr arm. Meine Eltern besaßen nicht ein einziges richtiges Buch, wir bezogen auch keine Tageszeitung. Teils geschah das aus Sparsamkeit, man wollte ja „bauen“, teils gewissermaßen aus Tradition; auch meine Großeltern waren Nicht-Leser, einer meiner Großväter soll sogar gravierende Probleme mit dem Schreiben gehabt haben. Ich erinnere mich lediglich an einer Art Anleitungsheft zum Einkochen von Obst, das in der Küche lag, womöglich eine Beigabe zu dem monströsen Einkocher, der einmal im Jahr unsere halbe Wohnung in eine kleine Fabrik für Einweckobst verwandelte. Besagtes Anleitungsheft enthielt sachdienliche Texte, aber auch Heiteres und Besinnliches rund um Haus und Garten. Ich las es so, wie ein Alkoholiker eingetrocknete Weinbrandbohnen isst.

Ich habe übrigens mit Absicht gesagt: Wir besaßen kein „richtiges Buch“, denn was es bei uns gab, und das in einer gewissen Fülle, hieß anmaßenderweise auch Buch. Es waren die sogenannten Pixi-Bücher, die ich hier nicht umständlich beschreiben muss, weil davon bis heute 450 Millionen Exemplare im gleichen Kleinformat gedruckt worden sind und wahrscheinlich jeder schon einmal eines in der Hand gehabt hat. Aber auch 20 oder gar 30 Pixi-Bücher waren mit ihren kurzen Texten in der Tradition der moralisierenden Tierfabel kein beeindruckender Lektürekosmos. Zudem lernte ich jedes neu erworbene Exemplar bereits während der Busfahrt von der innerstädtischen Buchhandlung zu unserem ländlichen Vorwort auswendig. Vergegenwärtige ich mir heute, in welchem „Textkosmos“ ich während meiner Grundschulzeit gelebt habe, erscheinen mir diese Jahre wie ein elektrisch beleuchtetes Mittelalter; zugleich schwindelt mir angesichts der universellen Präsenz gewaltigster Textmengen in der Gegenwart.

Ob ich die damalige Leere wirklich als solche empfunden habe, weiß ich nicht. Ich hoffe natürlich: ja. Allerdings besaß niemand um mich herum Bücher, auch nicht meine Onkel und Tanten oder die Eltern der Mitschüler von nebenan. Habe ich also nach Dingen gefragt, die ich nicht kannte? Ich fürchte: nein. Aber dann wurde Kennedy erschossen, was schon als solches unsere Familie aufgewühlte; und überdies brachte dieser Mord das erste richtige Buch in unsere Wohnung.

Es liegt jetzt neben mir, das heißt ein Exemplar dieses Buches, das ich unlängst für sehr wenig Geld antiquarisch gekauft habe. Tatsächlich hatte ich die Geschichte unseres, meines ersten Buches schon so oft erzählt, dass ich selbst an ihrer Wahrheit zu zweifeln begann. Aber das Buch existiert und es beglaubigt meine Erinnerung. Vermutlich noch vor Weihnachten 1963, wenige Wochen nach dem Attentat, hatte es Franz Burda herausgegeben, der Chef des gleichnamigen Verlages und der Zeitschrift „Bunte“. Es basiert auf dem damals vorhandenen Pressematerial, besonders natürlich auf den Berichten über Kennedys Deutschlandbesuch im Juni 1963 und das Attentat im November.

Und eben dieses Buch war plötzlich da. Ich werde das nie vergessen. Ein Arbeitskollege hatte es meinem Vater geschenkt. Ich spüre noch, wie verblüfft mein Vater über dieses Geschenk war, vielleicht sogar verärgert oder besser: befremdet. Denn er hatte ja keine Bücher, verschenkte auch keine und bekam, bislang wenigstens, keine geschenkt. Doch nun dieses Buch über den just ermordeten Hoffnungsträger der westlichen Welt. Seine Aufmachung empfinde ich heute als Zumutung. Auf dem Umschlag prangt Kennedys Kopf groß und in Farbe, sein Blick aus den hellblauen Augen geht nach oben, seine Hände sind erhoben, die Finger ineinander verschränkt, das klassische Porträt eines Betenden. Nun ja.

Aber so sah nun einmal unser erstes richtiges Buch aus, mein erstes richtiges Buch. Es stand einsam im Vitrinenfach des Wohnzimmerschranks. Und das hieß: Es war mir zugänglich. Wie viele Stunden mag ich damit verbracht haben, darin zu blättern, mir die Bilder anzusehen und ansonsten – nichts zu verstehen. Denn bitte nicht vergessen: Ich war sechs Jahre alt. Meine Pixi-Bücher las ich wohl fließend, ebenso die Lesebuch-Texte aus zwei oder drei kurzen Sätzen. Aber die Biographie eines amerikanischen Jungen aus reichem Hause, seine Abenteuer im Zweiten Weltkrieg als Kommandant eines Schnellbootes, seine politische Karriere, seine Wahlkämpfe, seine Politik, die Kubakrise – für all das besaß ich kein Koordinatensystem, kein Vorwissen. Wenn ich die Texte jetzt lese, denke ich, es muss mir in den meisten Sätzen praktisch jedes Substantiv fremd gewesen sein.

Und dennoch konnte ich ein solches Buch nicht abtun, nicht beiseite legen, nicht als ungeeignet abstempeln. Immerhin war es unser erstes Buch, es handelte überdies ganz unzweifelhaft von etwas außerordentlich Wichtigem, und es sah so wertvoll aus. Ich erinnere mich, immer wieder darin geblättert, es immer wieder mit der Lektüre versucht zu haben, natürlich vergeblich. Bis auf die allerletzten Kapitel. Wenn es um das Attentat vom November ging, war ich immerhin einigermaßen auf der Höhe. Hier halfen mir auch die Bilder, die schon einmal gesehen hatte. Das reiterlose Pferd, das bei der Beerdigung Kennedys hinter dem Sarg gegangen war, die Stiefel verkehrt herum in die Steigbügel gesteckt, das hatte ich im Fernsehen gesehen. Ebenso den kleinen John Kennedy, der seinen toten Vater militärisch grüßte. Er hatte bei der Beerdigung einen Mantel getragen, der länger war als seine kurzen Hosen, dazu weiße Strümpfe, die ihm auf die Schuhe gerutscht waren. Genau so, dessen war ich mir sicher, hätte meine Mutter mich ausstaffiert, hätte es nicht den Präsidenten der USA, sondern meinen Vater getroffen.

Also: immer wieder die letzten Seiten. Immer wieder die verwischten Bilder von der Präsidentenlimousine mit dem Mann auf dem Kofferraum, das schmerzverzerrte Gesicht Oswalds, als Ruby ihn erschießt, der entsetzte Blick des Polizisten, der neben ihm steht, nicht eingreifen kann und aussieht wie mein Großvater. Und dazu die schwierigen Sätze über Ermittlungen, Vermutungen, politische Konsequenzen, die ich nie wirklich verstand und deshalb immer wieder lesen musste.
Das war, später hätte man gesagt: frustrierend. Aber mein erstes Buch hat mich auch allerhand Wichtiges gelehrt: Was in Büchern steht, in richtigen Büchern, ist schwierig zu verstehen, womöglich sogar unverständlich; zudem ist es traurig, wenn nicht gar schrecklich. Allerdings ist es wichtig. Und es geht dich an. Du kommst sogar darin vor! Also arbeite dich hinein, dann wirst du dich womöglich wiedererkennen, auch wenn dir das gar nicht gefällt. – Es ist wirklich schade, dass die Bilder von mir am Grassy Knoll verloren sind.

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