Corona-Brief Nr. 36

Germany’s next Topmodel (10.2.2021)

Vor etwa zehn Monaten hatte es mich als Folge eines durch Corona bedingten Zeitüberschusses in die fünfzehnte Staffel der populären Castingshow „Germany’s next Topmodel“ (GNTM) verschlagen. Unmittelbar nach deren Finale im Mai habe ich an dieser Stelle meine zum großen Teil negativen Erfahrungen mit diesem „Format“ in fünf Thesen zusammengefasst.

Sie lauteten:

  1. GNTM zeigt die klassischen Strukturmerkmale der Diktatur, indem es Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekutive in die Willkür eines einzigen Menschen stellt. Frau K. allein sagt, wie man als Modell gehen muss, wer das nicht getan hat und wer daraufhin ausscheidet oder weiterkommt.
  2. GNTM betreibt Urteilsfindung als Schauprozess mit dem Ziel, die Angeklagten dazu zu bewegen, ihr Fehlverhalten öffentlichkeitswirksam einzugestehen.
  3. GNTM ist durch und durch manipulativ, indem es die Lebensäußerungen der Kandidatinnen in einen Pool von Szenen und Zitaten verwandelt, aus dem am Schneidetisch „Geschichten“ gebaut werden, die überhaupt keinen Bezug zur Realität haben müssen.
  4. GNTM gefährdet wissentlich seine Kandidatinnen, indem es sie zu einem Verhalten verführt, das möglichst viele und möglichst starke Reaktionen beim Publikum hervorruft, und ihnen diese Reaktionen gleichzeitig vorenthält, sodass sie keine Möglichkeit haben, darauf zu reagieren.
  5. GNTM verrät die Emanzipation, indem es seinen Kandidatinnen gebetsmühlenhaft einredet, es gehe um ihre Persönlichkeit, und sie gleichzeitig darauf konditioniert, sich dem Kommando von Funktionären aus Medien und Wirtschaft zu unterwerfen.

Für ausführlichere Erläuterungen zu diesen Thesen verweise ich auf den Corona-Brief Nr. 6 https://burkhardspinnen.de/germanys-next-topmodel-by-corona/

Letzte Woche war es nun soweit: Die nunmehr sechzehnte Staffel von GNTM begann. Aber warum saß ich vor dem Bildschirm, da ich doch der Ansicht sein dürfte, diese perfide Veranstaltung ein für alle Mal intellektuell durchdrungen zu haben?

Nun, ich saß dort aus einem ähnlichen Grund, aus dem die jungen Kandidatinnen sich der Veranstaltung überantwortet hatten: aus Eitelkeit. Denn ich wollte doch einmal sehen, wie meine brillante Abstrafung, auch wenn sie nicht mehr als ein paar Dutzend Leser gehabt haben mag, das Format getroffen hatte. Und siehe da: Sie hatte! Und wie! Unter dem Schlag meines Diktaturvorwurfs hatte das Format tatsächlich gewankt, deutlich erkennbar an seinen aktuellen Versuchen, wieder Standfestigkeit zu gewinnen.

Natürlich hatte die Diktatur das so getan, wie Diktaturen das eben tun. Wirft man ihnen Unterdrückung, Ausgrenzung, Willkür und Selektion vor, so organisieren sie ein „Event“, das all diese Vorwürfe möglichst prächtig und massenwirksam entkräften soll. Sie veranstalten zum Beispiel Wettbewerbe, die ganz im Zeichen von Völkerverständigung, sportlicher Fairness und gegenseitigem Respekt stehen sollen, und lassen die ganze Sache möglichst intensiv abfilmen, damit sich aus dem Material mit etwas Geschick eine Apotheose der Veranstalter basteln lässt.

Und das ist auch schon die Kurzbeschreibung der ersten Folge vom letzten Donnerstag. In der sonnte sich Frau K., die wie eine große (und eigentlich unnahbare) Herrscherin erst spät auf dem Plan erschien, nach Kräften im Glanz der Göttin „Diversity“, die über alle Kritik und Zweifel erhaben ist. Ihr (also der Göttin sowie Frau K.) huldigten 31 junge Frauen, die man aus 17.000 Bewerberinnen offenbar weniger nach ihrer Qualifikation zum Model (wie habe ich das alte Wort Mannequin geliebt!), sondern vielmehr unter dem Kuratel der Vielfalt ausgewählt hatte. Folglich musste schon aus Gründen des Proporzes auch mindestens eine darunter sein, die so wenig in der Lage war, auf Stöckelschuhen zu laufen, wie ich es wäre. Doch kaum hatte man die arme Frau (leider an genau dieser einen Eigenschaft) identifiziert, war sie auch schon wieder abgetan und weggeschickt. Wer in dem ganzen Kuddelmuddel von langen Haaren, schönen Augen, „O my God“ und „krass“ und „nice“ nicht ganz den Überblick verlor, konnte auch noch mitbekommen, dass die Vertreterin der Gruppe „Viel zu klein für ein Modell“ ebenfalls sang- und klanglos verabschiedet wurde. „Der Mohr kann gehen, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.“

Doch gingen solche für das Format typischen, ja, geradezu obligatorischen und verbindlichen Gemeinheiten weitestgehend unter in der allgemeinen Huldigung der Göttin Vielfalt. Eine junge Frau ist aus Syrien geflohen, eine hat schlimme Narben, eine ist gehörlos. Eine andere war einmal eine selbstvergessene Influencerin und tritt jetzt bei GMT an, nachdem sie zu ihrem eigentlichen Ich zurückgefunden hat. Eine fällt leicht in Ohnmacht, eine andere ist schwarz und wieder eine ist – keine Sorge, ich kenne das Wort, mit dem man nicht ganz gertenschlanke Menschen heutzutage nicht beleidigt. Obelix bestand noch auf „untersetzt“. Heute heißt das „curvy“.

Und wer sollte jetzt in der Lage sein, darauf zu verzichten, den Fortgang dieser in sich endgültig vollkommen widersprüchlichen, heuchlerischen und bigotten Veranstaltung atemlos zu verfolgen? Ich bin es nicht! Meine Neugier ist geweckt. Die Diktatresse Frau K. wird jetzt, wenn sie der Göttin Vielfalt weiter gehorchen will, den für unmöglich geglaubten Beweis erbringen müssen, dass man Äpfel doch mit Birnen vergleichen kann. Wird eine junge Frau in Zukunft das neue Topmodel werden, wenn sie imstande ist, wie ein Topmodel auszusehen und zu gehen, oder wird sie es, indem sie ihre vollkommen unvergleichliche Individualität und Geschichte zum Ausdruck bringt? Einstein hat bewiesen, dass Parallelen sich in der Unendlichkeit schneiden. Frau K. wird jetzt den Beweis antreten müssen, dass die Quadratur des Kreises gelingen kann: der vollkommene Ausgleich zwischen radikaler Individualität und totaler Anpassung.

Das große Zauberwort bei diesem Zaubertrick, mitgebracht vom Gastjuror Thierry Mugler, der aussah wie der Kriegsgott Mars im Fitnessraum, heißt Attitude. Und nun muss sich erweisen, ob Attitude in der Lage ist, lange Beine, Körperbeherrschung und die Fähigkeit, auch angesichts der größten Demütigung sein Lächeln zu behalten, übertrumpfen kann. Oder ob es nur eine Attitüde ist, wenn Frau K. die Attitude in den Himmel hebt, gleich neben sich selbst, die sie der Inbegriff der Anpassung ist, in dem sie die Unterwerfung gleichermaßen passiv wie aktiv betreibt.

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