Corona-Brief Nr. 35

Im Jammertal (4. Februar 2021)

Das Jammertal ist ursprünglich eine Eindeutschung der Bezeichnung für das dürre, wasserarme Gebiet, das die alttestamentarischen Israeliten auf ihrem Weg ins gelobte Land durchwandern mussten. Später, in den religiös geprägten Zeiten unserer Vorfahren, wurde aus dem Jammertal ein Bild für das ganze irdische Dasein des Menschen, das er in fortwährendem Schmerz durchschreitet, bis ihm durch seinen Tod Erlösung zuteil wird.

Die weit weniger religiös geprägte Gegenwart hat sich von der Vorstellung des menschlichen Lebens als Wanderung durch ein Jammertal weitgehend gelöst. Die Erwartungen an die Zeit zwischen Geburt und Tod sind dramatisch gestiegen. Das ist einerseits erfreulich. Vorbei die Zeit, da einem von der theologischen Obrigkeit mit dem Hinweis auf ein finales Chillen im Paradies Leid und Sorgen einfach klein- und weggeredet wurden.

Andererseits liegt in der quasi offiziellen und verbindlichen Verwandlung des Jammertals in einen Vergnügungspark eine gewisse Gefahr. Auf diese Art und Weise wird nämlich alles, was im menschlichen Leben unausbleiblich ist (Schmerzen, Enttäuschungen, Tod) zur unliebsamen Störung erklärt, für deren Auftreten jedermann/frau zwecks zukünftiger Vermeidung nach Verantwortlichen sucht. Beliebt ist die Besetzung dieser undankbaren Rolle durch die (neuerdings häufig selbst gewählte) weltliche Obrigkeit. Schuld ist „die Politik“. Doch das klappt nicht immer; und letzten Endes fällt dem Menschen, der nach Schuldigen sucht, die Schuld auf die eigenen Füße. Hätte man nur nicht geraucht (Sport getrieben bzw. keinen Sport getrieben, geheiratet bzw. nicht geheiratet, das Land verlassen bzw. nicht verlassen, besser gelernt bzw. etwas anderes gelernt usw. usw.) – dann steckte man jetzt nicht in der Tinte.

Angesichts der immer neu bestätigten und offenbar unverwüstlichen Tatsache, dass keine Selbstoptimierung imstande ist, Leid und Tod vollständig auszuschalten, könnte man nun auf die Idee kommen, dass die alte Vorstellung vom Jammertal etwas durchaus Entlastendes hatte. Die Israeliten waren auf ihrem Weg ins gelobte Land jedenfalls nicht (noch nicht!) schuld an der Dürre und Wasserarmut ihrer Umgebung. Die hatte ihnen ihr Gott ins Fahrtenbuch geschrieben, womöglich als nachdrückliche Erinnerung daran, dass das gelobte Land nicht um die Ecke liegt und man es sich auch nicht im eigenen Hinterhof zurechtbasteln kann. Diese Erkenntnis könnte durchaus entlastend sein, zumal für diejenigen, die durch lauter Selbstoptimierung in ein selbstgebasteltes Jammertal geraten sind.

Und jetzt der Sprung in unsere Corona-Gegenwart. Man kann momentan zu jedem Zeitpunkt jeden beliebigen Massenkommunikator einschalten und erhält dann sofort den Soundtrack des aktuellen Jammertals. Corona hat uns aus dem Paradies des Diesseitigen bzw. aus dem Pseudo-Vergnügungspark verjagt. Und auf das gelobte, also pandemiefreie Land fehlt schmerzlicherweise noch die „Perspektive“. (Siehe den gleichnamigen Corona-Brief der letzten Woche.)

Ca. 89,02 Millionen Deutsche sind momentan von der Pandemie betroffen. Das macht ziemlich genau 89,02 Millionen Einzelschicksale; und selbst wenn man die Menschen zu Alters-, Berufs- oder sonst welchen Gruppen zusammenzieht, ergibt das immer noch Abertausende von Gruppen, deren Mitglieder ähnlich – und dann aber auch wieder ganz verschieden – betroffen sind. Will sagen, jeder lebt in seinem eigenen Jammertal. Ich selbst gehöre zur Gruppe der selbstständigen Kulturschaffenden, denen die Seuche ihre Berufstätigkeit geradezu pulverisiert hat. Jedenfalls vielen von ihnen. Glauben Sie mir: Ich könnte stundenlang jammern; und natürlich wäre ich es meinem Beruf als Künstler und Schriftsteller schuldig, so individuell zu jammern, dass mein Jammern sich von allen anderen unterscheiden würde.

Aber ich mag nicht so recht. Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen das Jammern hätte. Im Gegenteil! Die etwas vornehmere Version des Jammerns, das Klagen, ist womöglich einer der Anreize für Literatur schlechthin. Facit indignatio versum, sagt Juvenal. Literatur entsteht aus Entrüstung, satirische zumal.

Allerdings habe ich momentan die Sorge, ich könnte mit meinem Jammern an einem Wettstreit um die höheren Positionen im Pandemiebetroffenheits-Ranking teilnehmen. Ganz automatisch, quasi ohne es zu wollen. Denn wer jammert, will gehört werden. Und wenn um einen herum schon gejammert wird, verführt das dazu, lauter als die anderen zu jammern. Und dabei könnten Fragen auftauchen, die mir mehr als unangenehm sind. Fragen wie diese: Geht es den Musikern unter Corona besser als den Friseuren, weswegen die Friseursalons früher öffnen sollten als die Konzerthallen? Sind die Kinder im Homeschooling schlimmer dran als die Schauspieler, weswegen die Schulen früher öffnen sollten als die Theater? Stellen geöffnete Kitas eine größere Gefahr für Erzieher und Erzieherinnen dar als geschlossene Kitas für die Kinder? Ist es für einen Schalke-Fan die größere psychische Belastung, dem Niedergang seiner Mannschaft zusehen zu können oder nicht zusehen zu dürfen? Gefährden wir unsere Familienmitglieder mehr durch unsere Abwesenheit oder durch unsere Anwesenheit? Etc. etc. ad infinitum.

Ja, wer Leid erfährt, hat ein Recht zu klagen. Wer wäre ich, wollte ich das in Abrede stellen! Aber ich sehe uns im momentanen Corona-Jammertal in der Gefahr, einen universellen Wettbewerb um den Titel des oder der Schlimmstbetroffenen zu führen. Ein Kampf um das Lockerungs-Ranking sollte aber meines Erachtens besser vermieden werden. Meine vielleicht etwas zu komplex geratene Begründung dafür lautet: Das bringt nichts.

Ich weiß, die meisten von uns können wenig Heldenhaftes im Kampf gegen den Angriff durch das Virus leisten. Das ist traurig. Man wünschte sich einmal einen „guten“ Volkssturm, der wie in Emmerichs „Independence Day“ die pandemiehaften Aliens mit Knüppeln vom Planeten vertreibt. Da wäre ich gerne dabei. Aber unsere Verteidigungs- und Angriffslinien bestehen nun mal bloß aus medizinischem und wissenschaftlichem Personal sowie aus Menschen in Politik und Verwaltung. Wir anderen, die große Mehrheit im Jammertal, haben nur unsere kritische Intelligenz und unsere Solidarität beizusteuern, wobei ich mich schweren Herzens dazu durchringe zu sagen, dass die Solidarität momentan womöglich etwas wichtiger ist als die kritische Intelligenz. Zur Solidarität aber sollte gehören, dass wir mit unseren Darstellungen der eigenen – ich sage es einmal diplomatisch: beschissenen Situation weder in einen Wettstreit gegeneinander noch in eine Routine der Schuldzuweisungen abdriften sollten.

Ein kleiner Zusatz: Vor ein paar Tagen hörte ich die Kolumne des Satirikers oder Comedians Tom Beinlich, der im WDR regelmäßig O-Töne aus den Medien zum sogenannten „Blabla der Woche“ zusammenstellt, natürlich in kritischer Absicht. Sein Beitrag bestand nun zu einem großen Teil aus dem O-Ton einer Psychologin, die in der Sendung „Hart aber fair“ aufgetreten war. Die Frau machte darauf aufmerksam, dass es ihrer Ansicht nach durchaus zulässig, wenn nicht gar empfehlenswert sei, sich darüber zu freuen, dass in relativ kurzer Zeit ein Impfstoff gegen das Corona-Virus gefunden wurde. (Ich darf hinzusetzen: in sehr kurzer Zeit, verglichen damit, dass es über fünfhundert Jahre bis zu einem Heilmittel gegen die Pest gedauert hat und dass es vierzig Jahre nach Ausbruch der HIV-Infektion noch kein Mittel dagegen gibt, wie es übrigens auch keines gegen die Entstehung von Krebs gibt, von einer fürsorglichen Impfung ganz zu schweigen.)

Dem Satiriker Beinlich aber genügte es, eine solche Aussage unkommentiert zu zitieren, um sie als Blabla bloßzustellen. Facit indignatio versum, und Beinlich war entrüstet. Ich schließe daraus, dass es bereits so etwas wie eine universelle Verpflichtung zum Jammern gibt. Wer nicht mitjammert, redet schon Blabla. Die unerträglichen Verhältnisse in den Schullandheimen scheußlichen Andenkens sind endgültig in ihr Gegenteil verkehrt. Wer dort jammerte, bekam Klassenkeile. Jetzt wird satirisch abgestraft, wer das einmal versuchsweise für eine halbe Minute nicht tut.

Ich könnte darüber jammern.

© Burkhard Spinnen ImpressumDatenschutzerklärung