Corona-Brief Nr. 31

Zumutung. Eine Sprachreflexion (3.1.2021)

Nein: der Lockdown wird nicht am 10. Januar aufgehoben werden. Vielleicht nicht einmal am 10. Februar. Über das tatsächliche Ende will ich aber gar nicht rechten oder spekulieren, das tun jetzt schon so viele andere. Und abermals nein: wenn die warmen Tage kommen, werden wir noch nicht alle geimpft sein. Es wird länger dauern, die zu impfen, die geimpft werden wollen, und niemand wird die zur Impfung zwingen, die das nicht wollen. Eine „Herdenimmunität“, die eine Aussetzung aller Schutzmaßnahmen erlaubte, sie wird es so bald noch nicht geben.

Und ja: das alles ist eine Zumutung. Ich höre das Wort jetzt immer wieder. Und wie das oft geschieht, wenn ich ein Wort, das mir ganz und gar vertraut schien, fiel öfter als gewöhnlich höre, stellt sich mir die Frage, was es denn überhaupt bedeutet. „Je näher man ein Wort ansieht“, so eines meiner großen literarischen Vorbilder, der österreichische Satiriker Karl Kraus, „desto ferner schaut es zurück.“ Also setze ich einmal wechselweise Lupe und Fernglas auf und schaue in Richtung Zumutung.

Zumutung ist eines von jenen Wörtern, die eine sehr spezielle Liebe zur Muttersprache wecken können. Es ist eines jener synthetischen Wörter aus dem Baukasten der deutschen Sprache. Der Bedeutungsträger ist Mut, soviel ist klar. Im Althochdeutschen hieß es noch muot, und das war ein Wort für das Innere, für das gesamte Wesen des Menschen, für das, was man heute mit Sinn, Seele, Geist etc. ausdrücken würde. In der Neuzeit ist Mut sowohl auf eine einzelne Charaktereigenschaft geschrumpft als auch vom Neutralen ins Positive gewendet worden. In der Redensart, jemand solle sein „Mütchen kühlen“, hat sich die alte Bedeutungsfülle von muot noch (ironisch) erhalten. Ebenso in Gemüt; aber im dazugehörigen Adjektiv gemütlich wird der umfassende Anspruch zugunsten von Keksen, Tee mit Rum und shabby chic deutlich reduziert.

Ähnlich schillernd präsentieren sich die Erweiterungen von Mut. Man fragt sich: Was genau bedeuten die Vor- und Nachsilben, mit denen man Mut erweitern kann? Da tun sich Abgründe tief wie Canyons auf, wenn man auch nur ein paar Schritte aus der Sphäre der Selbstverständlichkeit heraus tut, in der man für gewöhnlich mit seiner Muttersprache umgeht.

Erstes Beispiel, leider etwas veraltet: Langmut. Gemeint ist etwas, das mit dem neumodischen Mut viel weniger als mit dem alten muot/Gemüt  korrespondiert. Doch sagen wir, wie heute üblich, zur Langmut Geduld, dann können wir vielleicht noch spüren, dass im Langmut mehr der Mut steckt und in der Geduld mehr das Dulden.

Zweites Beispiel: Anmut. Der heutige Sprecher denkt gleich an eine zarte Form der Schönheit, also an etwas eindeutig Positives. Doch in anmuten und Anmutung geht es gar nicht um eine positive Qualität, sondern um den Schein (oder Anschein), den etwas oder jemand erweckt. Und der kann bekanntlich trügen.

Und nun endlich: die Zumutung. Ich habe mir zahllose Beispiele der zeitgenössischen Verwendung von der großen Suchmaschine vorlegen lassen, und ich habe definitiv keine positive Verwendung des Wortes gefunden. Zumutungen sind wohl in der Regel nicht unzulässig oder strafbar, dann würden sie anders genannt, aber sie überschreiten ein zwar nicht kodifiziertes, aber individuell oder allgemein so empfundenes Höchstmaß.

Sie bemerken es: Ich bin in unserer Corona-Gegenwart angekommen. 2020 war ganz ohne Zweifel das Rekordjahr der Zumutungen. Auf Basis von Gesetzen und Verordnungen wurde Millionen von Menschen zugemutet, ihr Leben in einer Art und Weise einzuschränken, die sie vielfach psychisch, sozial und ökonomisch in höchstem Maße beeinträchtigte und schwächte. Ich denke, ich weiß so einigermaßen, wovon ich rede. Mir ist als selbstständigem Schriftsteller praktisch ein ganzes Berufsjahr gestrichen worden. Das war und ist schlimm, wenngleich es anderen noch viel schlimmer ergangen ist.

Lauter Zumutungen also. Aber warum heißen die eigentlich so und nicht anders? Ich habe in Grimms Wörterbuch nachgeschlagen, was immer bedeutet, Wörter durch ein umgedrehtes Fernglas zu sehen. Noch vor 300 Jahren war eine Zumutung nur ein Ansinnen, etwas, das man von jemandem verlangte oder das jemand von sich selbst verlangte. Egal, ob das positiv oder negativ konnotierte. Denkt man ein wenig nach, dann kommt man darauf, dass sich etwas von dieser wertneutralen Bedeutung bis in die Gegenwart erhalten hat. Wenn ich sage, dass man einem Menschen oder einem technischen Gerät etwas zumuten kann, dann ist damit gemeint, dass er oder es eine bestimmte Belastung aushalten, verkraften kann und vielleicht sogar sollte oder muss. Sprachgeschichtlich argumentiert: Was ich jemandem zumuten kann, das entspricht seinem muot, seiner inneren Verfassung; und es wird, hoffentlich, seine Möglichkeiten nicht übersteigen.

Dies war, zu Beginn des zweiten Jahres meiner Corona-Briefe, eine kleine Sprachreflexion. Wer meine bisherigen Texte kennt, der weiß, dass ich mich nicht unbedingt Politik-kompatibel äußere. Es war immer mein Anliegen, die Aufgabe des Schriftstellers von der des Politikers zu trennen. Ich bin sicher kein unpolitischer Mensch, aber Politik „macht“ eher mein Alter Ego, wenn der Schriftsteller dienstfrei hat. Der aber sieht seine Aufgabe eher darin, Denkanstöße zu geben. Dieser hier galt der Zumutung.

Und vor allem der Frage nach Art und Maß des Mutes darin.

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