Corona-Brief Nr. 30

Versuch über den Trost (13.12.2020)

Was ist eigentlich Trost? Nun, da stellen wir uns einmal dumm und sagen: Trost: Das ist, wenn einem etwas Schlimmes passiert ist, und dann geschieht etwas anderes, das Schmerz und Trauer mindert.

Aha. Wenn mein Haus abbrennt und die Versicherung mir daraufhin 500.000 zahlt, dann ist das Trost?

Nein, das ist natürlich kein Trost, das ist eine Entschädigung.

Und wenn ein kleines Mädchen hinfällt, sich das Knie aufschlägt, bitterlich weint und seine Mutter ihm eine tolle neue Puppe verspricht, ist das Trost?

Mag sein, dass das so genannt wird, aber es ist wohl eher eine Ablenkung.

Nein, Trost ist etwas sehr viel Komplexeres als Entschädigung oder Ablenkung. Ich habe in den letzten Jahren viel über den Trost nachgedacht, und dafür gab es einen konkreten Grund. Vor Jahren schon war meine Mutter sehr schwer an Alzheimer erkrankt; sie bemerkte ihren Zustand und war sehr unglücklich darüber, oft genug sogar verzweifelt. Für Alzheimer aber gibt es keine Entschädigung, und zumindest im Fall meiner Mutter funktionierte auch die Ablenkung nicht so gut.

Umso wichtiger wäre es gewesen, dass jemand sie tröstet. Dass ich sie tröste. Aber wie tröstet man eigentlich? Was geschieht beim Trösten? Meine Antwort auf diese Fragen war, dass das wirkliche Trösten, das weder Entschädigung noch Ablenkung ist, nur gelingen kann, wenn beide Seiten, Tröstende und Getröstete, sich auf den Trost einlassen. Wenn sie beide akzeptieren, dass es neben Entschädigung und Ablenkung noch etwas anderes gibt, das ihren Schmerz und ihre Trauer lindern und ihre Situation verbessern kann. Man muss trösten können, um zu trösten. Und man muss in der Lage sein, sich trösten zu lassen, um getröstet zu werden.

Ich vermute, Trost zu spenden und Trost zu empfangen ist etwas menschheitsgeschichtlich sehr Altes. Vielleicht stammt es aus einem eher körperlichen als verstandesmäßigen Bereich. Den Ursprung des Trostes sehe ich eher da, wo Mütter oder Väter ihren weinenden Säugling an die Brust drücken und ihm tröstende Laute ins Ohr flüstern. Dem kleinen Menschen helfen diese Laute, wahrscheinlich ist es schon in seinen genetischen Code geschrieben, dass die Stimme der Mutter oder des Vaters Schmerzen und Angst reduzieren können. Später werden aus den tröstlichen Lauten Worte und Sätze, es entwickeln sich höchst individuelle Formen und Sprachen der Tröstung.

Doch jetzt wird es heikel. Wer, aus welchen Gründen auch immer, diesen Code nicht erlernt oder ihn nicht akzeptiert, sei es von einer bestimmten Person, sei es von allen – der kann nicht wirklich getröstet werden! Zum Trösten gehören zwei.

Meine Mutter und ich hatten es, als ich klein war, nicht geschafft, einen funktionierenden Trostcode zu entwickeln und dazu die beiderseitige Bereitschaft, Trost zu spenden und Trost zu empfangen. Und so war ich 50 Jahre nach meiner Kinderzeit nicht in der Lage, meine Mutter zu trösten, wie immer ich es auch versuchte. Ich versuchte es stattdessen mit Ablenkung, mit Ermunterung, idiotischer Weise auch mit rationalen Argumenten, aber das alles half nicht. Wir hatten schon längst die Chance vertan, uns gegenseitig Trost spenden zu können, und das war bitter.

Meine Überzeugung ist seitdem: Menschen, die einander kennenlernen, seien es Eltern und Kinder, seien es Freundinnen und Freunde oder Liebespaare, sollten bewusst lernen, einander zu trösten. Nicht mit großartigen Geschenken oder Versprechen, sondern auf eine elementare Art und Weise: vor allem durch das Bekunden von schierer Nähe und durch die bewusste Erfahrung, dass bloße Nähe heilsam sein kann: heilsam eben im Sinne von – tröstlich.

Ich denke, man erwirbt das Trösten und Getröstetwerden wie das Sprechen und das Singen. Die Anlage dazu hat jeder, doch um es zu beherrschen, muss man es lernen.

Die momentane Lage gibt jeden Anlass dazu.

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