Corona-Brief Nr. 9

Zombiefilme. Corona ante rem (14.6.2020)

Ich gebe zu, ein bisschen überrascht war ich schon, nachdem ich den Wikipedia-Artikel über Zombiefilme aufgerufen hatte. Eine so ambitionierte, theorielastige und verweisreiche Darstellung hatte ich nicht erwartet. Aber wenn ein Genre dermaßen viele „Fans“ hat, sind wohl auch etliche darunter, die es nicht dabei bewenden lassen, sich solche Orgien von Verwesung und Grausamkeit anzusehen, sondern auch darüber nachdenken.

Gehöre ich zu ihnen? Ich schätze, 98 Prozent der in dem besagten Artikel aufgelisteten Filme habe ich nicht gesehen. Aber die, die ich gesehen habe, haben auch mir einiges Material zum Nachdenken geliefert. Und eine paar meiner wichtigsten Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen fand ich in dem Wikipedia-Artikel bestätigt.

Zombiefilme gibt es praktisch seit dem Beginn der Filmgeschichte. Eine lange Zeit speisten sie sich überwiegend aus der Tradition der Vampirgeschichten, deren bewusstseinsgeschichtlicher oder psychologischer Hintergrund wahrscheinlich die Urangst des Menschen vor den Phänomen von Tod und Verwesung ist. Mit dem 1954 erschienenen Roman „I am Legend“ des damals 28 Jahre alten Amerikaners Richard Matheson bekam das Genre dann eine entscheidende Wendung. Der Roman wurde mehrfach verfilmt, und insbesondere die Version von 2009 mit Will Smith in der Hauptrolle repräsentiert die aktuell dominierende Strömung der Zombiefilme. Kurz nach diesem Film begann die amerikanische Fernsehserie „The Walking Dead“, die ein ganz ähnliches Szenario präsentiert und mit inzwischen 146 (!) Folgen a 45 Minuten schon rein quantitativ einen beachtlichen Anteil aller bislang hergestellten Zombiefilme ausmacht.

Worum geht es nun  in diesen „state of the art-Zombiefilmen“? Ich fasse es knapp zusammen: Eine rätselhafte Krankheit breitet sich in rasender Geschwindigkeit durch Infektion über die ganze Welt aus. Die Krankheit ist unheilbar, und sowohl die Gesundheitssysteme als auch die (militärischen) Versuche zur Isolation der Ausbreitungsherde versagen vor der infektiösen Aggressivität des „Virus“. In rasender Geschwindigkeit brechen alle gesellschaftlichen und staatlichen Systeme zusammen, es entsteht die postapokalyptische Szenerie von menschenleeren und alsbald verkommenden Städten und Landstrichen.

Die von der Krankheit Befallenen sterben allerdings nicht, sondern verwandeln sich in „Zombies“, also in extrem reduzierte Lebewesen mit allmählich verwesender menschlicher Gestalt, deren Sinnen und Trachten ausschließlich der Nahrungssuche gilt. Ihre einzige Nahrung aber sind die bislang nicht befallenen Menschen, die bei den Attacken der Zombies wiederum in Zombies verwandelt werden und sofort mit der weiteren Verbreitung des „Virus“ beginnen.

Laut Wikipedia-Artikel (und ich zweifle nicht daran) dominieren seit etwa drei Jahrzehnten Filme mit einem solchen Grundmuster das Genre. Aber was bedeutet das? Hat das überhaupt etwas zu bedeuten? Ist das alles nicht bloß ein sensationsheischendes Kommerzkino, über das man sich möglichst wenig Gedanken machen sollte?

Ich denke, nein. Frühe Filmtheoretiker wie Siegfried Kracauer haben bereits vor hundert Jahren vermutet, dass jenes Unterhaltungskino, das anscheinend nur auf die „niederen Instinkte“ eines Massenpublikums spekuliert, tatsächlich mehr „Tiefgang“ besitzt, als der intellektuelle Verächter ihm zuschreiben möchte. Vielmehr versorgen die populären Spektakelfilme die kollektiven Ängste der Zeitgenossen mit den entsprechenden Bildern. Mit anderen Worten: Sie erfinden keine unerhörten und albtraumhaften Szenarien, sondern sie illustrieren oder inszenieren die mehr oder minder bewussten, mehr oder minder artikulierten Albträume ihres Publikums. Ich kann mich dieser Einschätzung nur anschließen.

Was aber bedeutet es dann, wenn der Zombiefilm die oben beschriebene Entwicklung genommen und sich gewissermaßen in den Pandemiefilm verwandelt hat? – Ich offeriere eine mögliche Antwort:

Die Angst des zeitgenössischen Menschen richtet sich verstärkt auf die möglichen Folgen der von ihm mit großer Anstrengung vorangetriebenen Zivilisation. Darüber, dass der Mensch selbst des Menschen schlimmster Feind sei (homo homini lupus), diskutiert die Menschheit seit langem; aber die modernen Zombiefilme konkretisieren diese Angst. Es geht ihnen weniger um die Aggressivität staatliche Gebilden oder gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander, sondern um die biologische Selbstgefährdung des Menschen durch die Folgen der Zivilisation, vor allem durch Überbevölkerung und Globalisierung.

Moderne Zombiefilme inszenieren, so kommt es mir immer vor, die verbreiteten Schreckensfantasien, die auf der kollektiven Angst vor einem totalen Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft beruhen. Dabei ist dieser befürchtete Zusammenbruch nicht die Folge von Naturkatastrophen, Rivalitäten oder Kriegen;  er rührt vielmehr daher, dass die Menschen nicht mehr ihrer Natur gemäß, also nicht mehr artgerecht leben. Statt wie in den vielen Zehntausenden von Jahren bevor in eher kleinen und überschaubaren sowie voneinander deutlich unterscheidbaren und voneinander getrennten gesellschaftlichen Einheiten zu leben und zu wirtschaften, haben sie den Planeten in eine flächendeckende und eng vernetzte humane Monokultur verwandelt. Infolgedessen sind sie wie alle künstlich hergestellten Monokulturen extrem anfällig gegen infektiös verbreitete Krankheiten. Es besteht jetzt die Gefahr, dass Infektionserkrankungen, die früher nur lokale Verwüstungen anrichteten, zu einem kompletten Ende der Spezies führen können. Homo homini virus: Wie das aussehen könnte, in den letzten Tagen der Menschheit, das inszenieren die Zombiefilme.

Ich sage das frei heraus: In den ersten Tagen des Corona-Lokdowns habe ich mich oft genug gefühlt, als sei ich einer der Statisten in der ersten Viertelstunde der besagten Filme. Da gab es die sich überschlagenden, einander widersprechenden und sich zuspitzenden Nachrichten in den Medien; da gab es die staatliche Maßnahmen, die dramatisch in die persönliche Freiheit eingriffen; da gab es den schlagartige Zusammenbruch des ökonomischen und kulturellen Systems, von dem ich als freiberuflicher Künstler sofort und vollständig betroffen war. Und da gab es das Rätselraten, die Unsicherheit – und vor allem die Angst. Manchmal wünschte ich mir damals, ich hätte niemals einen Zombiefilm gesehen. Dann wiederum dachte ich: Vielleicht haben sie mich nur besser vorbereitet auf das, was jetzt gerade passieret.

Momentan sieht es so aus, als würde unser Film gut ausgehen, jedenfalls der Heimatfilm, in dem ich Statist bin. Es gibt Vorbilder dafür. Am Ende von „I am Legend“ mit Will Smith findet die Hauptfigur ein Mittel, um die Zombies zu heilen. Er selbst stirbt zwar, aber mit seinem Tod ermöglicht er die Verbreitung seiner Erkenntnis. Eine ähnliche Entwicklung in unserer Gegenwart wäre sehr zu begrüßen, tatsächlich warten wir ja alle händeringend auf die Nachricht von der Entdeckung des Gegenmittels. Ich frage mich allerdings, was „nach“ Corona aus der Angst des Menschen vor den Folgen seines nicht-artgerechten Lebens wird.

Kleiner wird sie wohl nicht werden.

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