Corona-Brief Nr. 27

Im Flachland der Coronasatire (23.11.2020)

Künstlerinnen und Künstler jeder Richtung haben es momentan schwer. Dieser Umstand und ein Wille zur Solidarität innerhalb der Zunft machen es mir schwer, das Folgende zu sagen. Aber ich muss es tun, sonst besteht die Gefahr, dass ich mir an einer mehrmals täglich heruntergeschluckten Kritik den Magen verderbe.

Liebe Leute von der Abteilung Kabarett und Comedy! Ja – die momentan von den Verantwortlichen erlassenen, zurückgenommenen, dann wieder erlassenen sowie ständig modifizierten Corona-Regeln reizen durchaus zur Satire. Nein, ich sage besser: Sie drängen sich der Satire mit Nachdruck auf. „Nimm mich!“, schreien sie und hämmern lautstark an die Klausen und Stübchen, in denen momentan viele Bühnenkünstler ihren Hausarrest absitzen.

Aber betrachtet man nicht Menschen und Dinge, die sich einem derart impertinent aufdrängen, eher skeptisch? Zumal, wenn man von Beruf so etwas wie ein Skeptiker ist. Sollten nicht Witze, die unbedingt gemacht werden müssen, lieber nicht gemacht werden? Und um noch etwas philosophischer zu werden: Geht es dem Skeptizismus und der Kritik nicht im Wesentlichen ums Selbstdenken; und ist das Selbstdenken nicht in ernsthafter Gefahr, wenn man jeden satirischen Steil- oder besser: Flachpass unbedingt annehmen und zum Witz verwandeln will?

Doch genau das geschieht momentan. Wenn ich ganz leise bin, höre ich, wie überall in der Republik Travestien, Verballhornungen, Übersteigerungen und satirische Verzerrungen der jeweils neuesten Corona-Regeln erdacht, verfasst und gedruckt oder eingesprochen und ausgesendet werden. Mal sind sie mehr lustig, mal mehr verbissen. Mein Haussender, der Westdeutsche Rundfunk, versorgt mich bis zu mehrmals täglich mit der einschlägigen Neuware.

Ja, alle diese Beiträge sind – Joachim Löw würde sagen: „irgendwie lustig“. Aber sind sie nicht auch irgendwie traurig?

Mich jedenfalls macht diese laut vor sich hin ratternde Serienproduktion von Coronaregel-Satiren zutiefst traurig. Mir kommt sie vor wie eine große Energieverschwendung. Ich sehe vor mir einen breiten, kraftvollen Fluss, der sich, der Schwerkraft gehorchend, in einen Wasserfall stürzt und es dabei versäumt, in einer Turbine nutzbare Energie zu gewinnen. Ähnlich folgt momentan ein großes Maß an satirischer Energie der Schwerkraft des „irgendwie-Lustigen“ an den Coronaregeln, statt Witz und Verstand dorthin zu richten, wo wir sie in der allgemeinen Depression der Pandemie besser brauchen könnten.

Lachen ist wichtig. Lachen ist gesund, und an Gesundheit gebricht es uns momentan, besonders an mentaler Gesundheit; da können wir jede Unterstützung brauchen. Aber es ist in meinen Augen und Ohren nicht der beste Weg, einem blöden Virus mit wohlfeilen Witzen zu begegnen und damit – absichtlich oder unabsichtlich – an der Materialschlacht über den Querdenker-Stammtischen teilzunehmen.

Ja, ich weiß. Die Satire darf alles. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Im Zweifelsfalle für den Narr, den Schalk, den Hanswurst. Die Satire darf alles. Nur eines darf sie nicht: flach sein.

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