Das Bahnhofsviertel

November 2018

Ja, auch Münster, das stille, saubere, gemütliche und überwiegend gesetzestreue Münster hat ein Bahnhofsviertel; und dort geht es wie in allen Bahnhofsvierteln längst nicht so still, sauber und gesetzestreu zu wie anderswo in der Stadt.

Jahrzehntelang konnte man allerdings die Szene rund um den Hauptbahnhof in Münster fast idyllisch nennen. Als ein Busbahnhof in einen Park verwandelt und der von Obdachlosen, Drogensüchtigen und Drogendealern besetzt wurde, überließ man denen das Terrain, statt sie zu vertreiben. Der Grund dafür wurde vor besorgten Anwohnern immer wiederholt: Man halte die Leute lieber vor Ort unter Kontrolle, statt in Kauf zu nehmen, dass sie sich anderswo sammeln und ihr Unwesen treiben. Das Konzept wurde teils zähneknirschend akzeptiert, teils aktiv unterstützt.

Seit ein paar Jahren nun ist das Münsteraner Bahnhofsviertel sehr heftig in Bewegung geraten. Das Bahnhofsgebäude ist komplett neu gebaut worden, rund um seinen Vorplatz entstehen neue, große Gebäude. Und, das darf nicht verschwiegen werden, seit 2015 hat die Zuwanderung noch mehr und noch schwierigere und haltlosere Menschen in das Viertel gebracht.

Folgerichtig wurden die Probleme größer. Die Anwohner und Ladenbesitzer der Windhorststraße, die vom Bahnhof in die Innenstadt führt, beklagen mittlerweile eine Art feindlicher Übernahme des öffentlichen Raumes, insbesondere durch junge Migranten, und ein Patentrezept dagegen haben weder Stadtplaner noch Polizei in der Tasche.

Momentan spitzt sich die Lage noch weiter zu. Die Rückseite des Bahnhofs war seit Jahrzehnten halb Asphaltssteppe, überwuchert von Fahrrädern, halb jener mittelschwer verwahrloste Park, besetzt von Obdachlosen und Drogenabhängigen. Jetzt soll die Asphaltssteppe mit großen Geschäfts- und Wohnhäusern überbaut werden, der Park wird für die Baustellenlogistik gebraucht. Aus der nicht nur für Münsteraner Verhältnisse schmuddeligen Ostseite des Bahnhofs soll das sogenannte Hansator werden, benannt nach dem Wohnviertel dahinter.

Und was geschieht? Die mehr oder weniger illegalen Parkbewohner haben natürlich keine Lobby, aber jetzt springen ihnen Teile der Anwohner bei und protestieren gegen das gesamte Projekt. Nicht, dass sie mit dem Klientel des Parkes voll und ganz einverstanden wären, das nun wirklich nicht. Aber wie viele Menschen befürchten sie, dass jede Veränderung in ihrer unmittelbaren Umgebung eine Veränderung zum Schlechten sein könnte. Die Drogenabhängigen waren sicherlich nicht ihre Lieblingsnachbarn, aber sie waren so etwas wie eine konstante Größe, unangenehm, aber berechenbar. Und ihre Duldung war ein sozialer Akt, den viele unterstützten. Wäre alles so geblieben wie es war, würde man nicht in die Gefahr geraten, die jede Veränderung mit sich bringt. Und man könnte seiner eigenen Haltung treu bleiben.

Neulich mussten die Bauherren der Neubauten in einer Bürgerversammlung zu ihrem Erstaunen feststellen, dass sich praktisch niemand über das freute, was sie ganz selbstverständlich für eine enorme Aufwertung des Viertels halten. Der Gegenwind war stark; allerdings sind die Bagger schon unterwegs, und es sieht nicht so aus, als wäre hier noch irgendetwas aufzuhalten.

Ich verstehe den Protest; ich habe selbst einmal vier Jahre in dem Viertel hinter dem Bahnhof gewohnt. Aber ich verstehe ihn auch als ein Zeichen unserer gesellschaftlichen Verfassung. Einerseits vollziehen sich die Veränderungen immer schneller und radikaler, andererseits betreffen sie Menschen, die im Schnitt immer älter werden und schon von daher stärker am Hergebrachten und Bekannten festhalten. Hier geht ein Riss durch die Bewusstseinslandschaft. Und auch das saubere, gemütliche und gesetzestreue Münster bleibt von solchen Verwerfungen nicht verschont.

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