Corona-Brief Nr. 3

„Krise und Chance“. Kritik an einer Phrase

In den letzten Wochen höre ich häufig den Satz: „In jeder Krise liegt auch eine Chance.“ Dieser Satz ist nicht grundsätzlich falsch. Und wenn er jetzt, zu Corona-Zeiten, verwendet wird, um Hoffnung zu machen oder Trost zu spenden, will ich nicht grundsätzlich widersprechen. Hoffnung und Trost brauchen wir im Moment in großen Mengen, mehr noch als Toilettenpapier und Gesichtsmasken.

Aber ich habe auch meine Bedenken. Der Satz ist seit geraumer Zeit eine Art Motto des modernen, ökonomisch geprägten Denkens. Wirtschaft betreiben, dass bedeutet heute oft genug: Produkte oder Produktionsweisen nach Maßgabe ihrer Wirtschaftlichkeit verändern oder gar abschaffen. Es gibt das sogenannte „Change Management“, eine Spezialdisziplin für Führungspersonen in der Wirtschaft, bei der es darum geht, wie man weitreichende Veränderungen organisiert, um erfolgreicher zu sein.

„In jeder Krise liegt auch eine Chance.“ Ja, das mag sein. Aber in jeder Krise liegt meines Erachtens vor allem eine Gefahr. Ich könnte viele Beispiele für meine Skepsis nennen, aber ich beschränke mich auf die letzten hundert Jahre.

Das 20. Jahrhundert war zu seinem Beginn durchdrungen von einer unbestimmten Hoffnung darauf, dass drastische Veränderungen zu wünschenswerten Resultaten führen würden. Man glaubte an eine Art positiver Destruktion. Deutsche Intellektuelle begrüßten 1914 den Kriegsausbruch und prophezeiten ein „Stahlgewitter“, in dem das behäbige Bürgertum erfrischt und gereinigt werde. Es gab aber nur einen mit einer Unterbrechung dreißig Jahre dauernden Krieg und Millionen von Toten. Man wird zugeben müssen, dass das ein ziemlich hoher Preis für den Staat war, auf den wir heute zu Recht stolz sind.

Und weiter: 1989 kollabierten der Reihe nach die sozialistischen Staaten Osteuropas. Wie sieht heute die Bilanz aus? Was hat sich verbessert? Oder nehmen wir den arabischen Frühling von 2011, die Finanzkrise von 2008 – haben all diese Destruktionen tatsächlich Platz geschaffen für eine schöne neue Welt? Ich bin sicher nicht der einzige, der hier skeptisch ist.

Und jetzt die Corona-Pandemie. Täglich höre ich, dass sie unser Land nachhaltig verändern wird. Vieles, so heißt es, ist womöglich nicht wiederherzustellen. Was könnte das sein? Vielleicht der Einzelhandel traditioneller Prägung? Vielleicht die freie Kulturszene? Vielleicht die Sportkultur unterhalb der Champions League?

Gut, es gibt den Lauf der Weltgeschichte, in dem noch das meiste verloren gegangen ist. Daran wird sich nichts ändern. Und auch ein einzelnes Menschenleben besteht aus lauter Abschieden. Wer älter wird, der erlebt es. Aber sollen wir uns nach dem hoffentlich baldigen Ende der Corona-Krise tatsächlich den Nietzschesatz zur Maxime machen: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen“?

Sollen wir zum Beispiel erlauben, dass der ökonomische Darwinismus nun mit sehr viel größerer Geschwindigkeit voranschreitet? Sollen wir Wirtschaftsriesen wie Amazon das Trümmerfeld überlassen, weil sie es sind, die am schnellsten wieder Ordnung schaffen können? Sollen wir erlauben, dass die Auseinandersetzung in der Kultur zwischen Mainstream und Nische mit einem Schlag für den Mainstream entschieden wird?

Für mich gilt jedenfalls, dass ich nichts stoßen will, auch wenn ich vermute, es werde in absehbarer Zeit sowieso fallen. Für mich gilt eher der Satz: „Eine Krise ist vor allem – eine Krise, die man überstehen möchte.“ Und nach der Krise freue ich mich keineswegs auf eine Tabula rasa, auf der die Großen die Kleinen fressen. Ich will keine post-Corona-Revolution. Ich hoffe vielmehr inständig darauf, dass nach Corona nicht irgendeine windige schöne neue Welt aus dem Boden gestampft, sondern zuerst einmal und vor allem das gerettet und bewahrt wird, was Menschen in Generationen aufgebaut und geschätzt haben.

Ja, die Dinge ändern sich. Morgen schon könnte man vielleicht ohne große Probleme auf etwas verzichten, das einem heute noch unverzichtbar scheint. Aber es sollten nicht größenwahnsinnige Monarchen, gewalttätige Extremisten oder abenteuerlustige Manager sein, die den Lauf der Menschheitsgeschichte bestimmen. Und erst recht sollten es keine blöden Viren sein, die die menschliche Geschichte steuern! Wir sollten Corona nicht in den Rang einer göttlichen Strafe heben, nicht als Sintflut 2.0 betrachten – und erst recht sollten wir es nicht zum Agenten des ökonomischen Changemanagements machen. Nach allen Kriegen gab es Kriegsgewinnler, schlimm genug. Pandemiegewinnler sollte es nach Möglichkeit nicht geben. Ich wünsche allen den Mut und die Kraft, das Gute und Bewährte gegen fragwürdige „Chancen“ zu verteidigen.

© Burkhard Spinnen ImpressumDatenschutzerklärung