Die Rieselfelder

Februar 2019

Sonntag, 17. Februar 2019. Für Münster waren knapp 20 Grad angesagt, wohlgemerkt: über null, nicht drunter. Der Rekord bahnte sich langsam an, also konnten wir planen. Nach einem späten Frühstück machten wir uns auf, die beiden Hunde waren natürlich dabei.

Was wollten wir sehen? Natürlich vor allem diese spektakuläre Ungleichzeitigkeit von Jahreszeit und Wetter. Und die Art und Weise, wie Mensch und Tier darauf reagierten.

Unsere erste Station war der Aasee am Stadtrand von Münster. Wir fuhren langsam daran entlang. Aber ach, der See, seit dem letzten heißen Sommer das größte Sorgenkind der Stadt, war förmlich umlagert, ähnlich wie die Code d’Azur im August. Nein, hier fand definitiv nicht die besondere Begegnung von Mensch und Natur statt, sondern eine kollektive Grillparty, ein modern-heidnisches Winteraustreibungsritual. Wir beschleunigten also wieder und steuerten das nächste Ziel an.

Die sogenannten Rieselfelder im Norden von Münster dienten einmal als Fläche, auf der die Abwässer der Stadt im Boden versickerten und dabei gereinigt wurden. So entstand eine Feuchtlandschaft. Vor 50 Jahren begann sie auszutrocknen, weil man ein modernes Klärwerk gebaut hatte. Rettet die Rieselfelder, stand auf den Plakaten, die mich begrüßten, als ich nach Münster zog. Seitdem ist das Terrain wieder unter Wasser gesetzt und zum Lebensraum für verschiedene Vogelarten geworden. Das alles natürlich unter wissenschaftlicher Kontrolle.

Ich hatte die Rieselfelder zuletzt vor etwa 20 Jahren gesehen, damals waren sie nichts als maximal uninteressantes Flachland mit großen Pfützen darin, bevölkert von Vögeln sowie Hobby-Ornithologen mit gewaltigen Teleobjektiven. Dergleichen hatte ich, naiv wie ich bin, auch jetzt erwartet, doch wurde ich eines anderen belehrt. Ich erkannte die Gegend kaum wieder. Die flachen Teiche lagen jetzt hinter hohen Schilfbarrieren; es gab befestigte Wege, allerlei Gehölz und zwischendurch naturkundliche Erläuterungen und professionelle Unterstände für Vogelfreunde.

Und vor allem gab es: Menschen. Kaum, dass wir das Terrain erreicht hätten, so vollgestellt waren die Parkplätze in der Umgebung. Der Ausflugsgasthof, der gleich neben der biologischen Station liegt, ächzte unter dem Besucheransturm, und den ersten Kilometer in den Feldern selbst legten wir gewissermaßen im Stau zurück, unsere Hunde vorschriftsmäßig angeleint, während es hinter den Schilfbarrieren nach dem Alltag großer Wasservögel klang.

Allmählich aber formte sich ein Bild dieses ungewöhnlichen Tages. Seine wichtigsten Bestandteile: die Sonnenstrahlen, die widerstandslos durch die unbelaubten Bäume drangen, der teils patschnasse, teils auch schon staubtrockene Boden, die Kälte, die das Wasser abstrahlte, und die Wärme auf der Haut.

Der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar hat um 1925 in seinem kleinen Text „Dreißig Grad im Februar“ einen solchen Tag beschrieben. Von den Hunden sagt er darin, es sei ihnen „das Wetterwunder ins Herz gefahren, sie schnappen nach den Sonnenstrahlen, kauen warme Luft und wiegen sich beim Gehen, als sei ihnen absurd leicht zumute.“ Unsere beiden erxpragmatischen Labradore benahmen sich leider etwas weniger literarisch, sie interessierten sich an diesem ungewöhnlichen Tag bloß wieder für die Hinterlassenschaften ihrer eigenen Artgenossen.

Und die Menschen? „Ihre rührselige Sinnlichkeit sucht unter anderem auch den Busen der Natur“, schreibt Polgar. Das konnten wir nun inmitten der Rieselfelder absolut bestätigen. Tatsächlich waren so auffällig viele junge Paare unter den Wanderern, dass wir beinahe dachten, sie seien unterwegs zu einer ganz anderen, viel hipperen Veranstaltung. Aber nein. Womöglich hat ja die jüngere Generation mittlerweile ein anderes Verhältnis zum Spaziergang in der Natur. An die Stelle der gewaltsam domestizierten Fauna und Flora im Park ist das ökologisch einwandfreie Rieselfeld getreten, ein Busen der Natur ohne Wonderbra und chirurgische Eingriffe, das perfekte zeitgenössische Objekt rührseliger Sinnlichkeit.

Schließlich trafen wir noch auf eine kleine Herde langhaariger und langhörniger Kühe, die, wie ich vermute, zu Dekorationszwecken hier angesiedelt war. Und angesichts ihrer musste ich dem Kollegen Polgar vollends Recht geben, denn wie schreibt er: „Welch glückliche Ruhe spiegelt sich in den Augen der Kuh […]. Blickt sie sonst sanftmütig, so blickt sie jetzt liebevoll […], und hätte sie das Mimische heraus, sie würde lachen. Wann denn auch sonst sollen die Kühe lachen, wenn nicht bei dreißig Grad im Februar?“

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