Corona-Brief Nr. 12

Berlin, Hasenheide (5.7.2020)

Es ist zehn Uhr abends, als ich mich entscheide aufzubrechen. Ich ziehe mich an, steige aufs Fahrrad und mache mich auf den Weg nach Süden, Richtung Kreuzberg.

Was ich vorhabe? Auf eine Coronaparty fahren. Nur um es mal gesehen zu haben; falls es dort zu eng wird, plane ich, mir das Geschehen aus der Ferne anzuschauen und mein nächtliches Unterfangen als Fahrradtour mit journalistischem Hintergrund zu verbuchen. Ich bin also auf der sicheren Seite.

Letzte Woche hatte es in der Zeitung gestanden: Im Volkspark Hasenheide sollen angeblich jedes Wochenende Technopartys stattfinden. Schon seit März gehe das so, und nachdem sich die Sache herumgesprochen habe, kämen inzwischen an die fünfhundert Leute, um sich im Freien die Nacht um die Ohren zu feiern. Auch die Polizei soll schon aufgetaucht sein, doch das würde niemanden stören, die Partys gingen weiter. Rückblickend frage ich mich, ob man anstelle dieser Artikel nicht vielleicht besser gleich einen Eventflyer hätte drucken sollen.

Vielleicht aber auch nicht, denn „in Zeiten von Corona” haben die Medien als Instrument der öffentlichen Meinungsbildung einiges an Bedeutung gewonnen. Hätte ich die Informationen nicht aus einer vertrauenswürdigen Quelle gehabt – ich wäre wahrscheinlich zuhause geblieben. Eigentlich ironisch.

Trotzdem ist mir etwas mulmig zumute. Um ein besseres Gefühl für das Thema „Ausgehen und Corona” zu bekommen, mache ich auf dem vierzigminütigen Weg nach Kreuzberg noch ein paar Abstecher zu einigen anderen Orten, an denen sich das Nachtleben üblicherweise abspielt. Ergebnis: Nicht überall ist tote Hose, das Draußensitzen hat definitiv Hochkonjunktur. Getanzt wird allerdings nicht.

Um zu erkennen, dass ich mein Ziel erreicht habe, braucht es schließlich keinen Blick auf Google Maps mehr. Durch den Nordeingang der Hasenheide zieht sich ein reger Strom von Menschen, offenbar alle in Ausgehlaune gekleidet, es ist ein bisschen wie auf einem Festival. Aus Sicherheitsgründen umrunde ich den Park noch einmal und nehme dann den Südeingang. Die Musik ist bereits von der Straße aus zu hören, nach nur wenigen Schritten in den Park sehe ich die ersten Ausläufer der Party. Erst sind es nur einzelne Gruppen zu etwa fünf bis zehn Menschen; einige stehen, viele sitzen auf Decken. Vereinzelt gibt es Musik aus mitgebrachten Lautsprecheranlagen.

Der Dresscode ist so, wie man ihn von Festivals oder Club- und Partymeilen eben kennt: Die Anwesenden geben sich locker, sie tragen Freizeitkleidung, Tendenz eher zu bequem als zu chique oder auffallend. Obwohl definitiv alle drei Stilrichtungen vertreten sind, lassen sich die jeweiligen Anteile nicht genau beziffern. Außerdem ist es inzwischen ziemlich dunkel. Ein bestimmtes Gesprächsthema als Aufmacher für den Abend hat hier keiner mitgebracht, das sieht man schon von weitem. Stattdessen beschäftigen sich viele mit dem, was man früher so treffend den Müßiggang nannte: Sie sitzen einfach auf dem Boden und tun – na ja, nichts Bestimmtes eben. Sie sind gesellig, ja, aber nicht auf eine ausufernde Art und Weise, eher scheinen sie darauf konzentriert, ihre Anonymität in der einbrechenden Dunkelheit genießen zu wollen.

Neben einer weiteren Musikanlage tanzt gedankenverloren ein einzelnes Mädchen, aber nicht so, dass es dem Gesamtbild in irgendeiner Weise Abbruch täte. Eher im Gegenteil, niemand stört sich an ihr, und das gilt umgekehrt genauso. Im Schein der Teelichter und Lichterketten, die einige Grüppchen mitgebracht haben, sieht man eine gewisse selbstbezogene Gelassenheit in den Gesichtern vieler, wie man sie in den letzten Wochen eher vermisst hat – vor allem im öffentlichen Raum. Manche reden auch einfach gar nicht. Zumindest kann ich auf wenige Meter Distanz nichts hören, vielleicht flüstern sie ja. Das überrascht mich ein bisschen, nicht ganz die rauschende Party, mit der ich gerechnet hatte. Im Ganzen spüre ich eine gewisse Zuversicht, dass es mit ausreichend Menschen, genügend Alkohol und anderen Muntermachern sowie der richtigen Musik ein Abend zum sich gerne dran erinnern werden könnte. Eben wie auf einem Festival.

Ich umrunde eine weitere Ecke. Die fußballfeldgroße Rasenfläche dahinter ist voller Menschen: Eng nebeneinander reihen sich weitere Kleingrüppchen, wie ich sie bereits auf dem Weg gesehen hatte. Nur eben mehrere Dutzend. Außerdem ist es beinahe taghell. Jemand muss ein Flutlicht aufgestellt haben, für eine Raveparty eher unüblich. Ich bahne mir meinen Weg zwischen den Gruppen hindurch und erkenne neben einer monumentalen Lichtanlage, die von einer Anhöhe aus das Areal ausleuchtet, mehrere Polizeifahrzeuge. Eine Mannschaft aus Beamten geht systematisch von einer Gruppe zur nächsten und fordert die Anwesenden zum Gehen auf. Einige bleiben.

Die Veranstaltung soll offensichtlich aufgelöst werden. Ich gehe aber noch nicht, sondern setzte mich erstmal außerhalb der Reichweite des Fluters ins Gras und schaue zu. Andere tun es mir gleich und verlagern ihre Decken und Musikanlagen ebenfalls in den Schatten. Eine Zeitlang funktioniert das. Die Polizisten setzen ihren Rundgang durch die Kleingrüppchen aus, stattdessen verwenden sie die Lautsprecheranlage eines ihrer Fahrzeuge. Was genau sie sagen, verstehe ich nicht. Aber der Inhalt ist ja eh allen klar. Wie Lautsprecheranlagen das so an sich haben, klingt es auch ein bisschen nach Überwachungsstaat und wird dementsprechend von einigen Gruppen mit Pfiffen und Buh-Rufen beantwortet.

Schließlich kann die Polizei den Abend noch für sich entscheiden. An mehreren weiteren Stellen rund um das Areal werden zusätzliche Fluter angefahren, und die Feiernden müssen weiter zurückweichen, denn erkannt zu werden und eine Anzeige zu bekommen will hier keiner riskieren. Zwar bleiben viele weiterhin, jedoch ist klar, dass an diesem Abend keine Stimmung mehr aufkommen wird. Zumindest nicht in der Hasenheide.

Also trinke ich mein Bier aus und mache mich auf den Nachhauseweg. Bilanz: Eine Corona-„Party“ habe ich nicht zu Gesicht bekommen. Ausschreitungen, wie es sie in anderen Städten bereits gegeben hat, auch nicht. Eine Sache weiß ich jetzt allerdings genau: Wäre keine Polizei gekommen, wäre ich geblieben. Und ich hätte mitgetanzt. Es wäre mir dabei nicht um irgendeinen Akt des Rebellentums gegangen, bloß ums Feiern. Ums Bier trinken, Leute kennen lernen, ums loslassen und den Alltag vergessen. Denn irgendwie brauche ich das, es fehlt mir, und ich glaube, damit bin ich nicht alleine.

Ich sage nicht, dass die Clubs morgen wieder geöffnet haben sollen, obwohl ich mir der prekären Situation in der Veranstaltungsbranche bewusst bin und sie zutiefst bedauere. Auch die Polizei hat – zumindest wie ich es in Berlin erlebt habe – einfach ihren Job gemacht und eine aus Corona-Perspektive gefährliche Veranstaltung aufgelöst. Bloß sollten wir uns als Gesellschaft nicht dazu entscheiden, eines der grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse auszuklammern. Denn sonst werden im Verborgenen weiter neue, schwer kontrollierbare Ersatz-Clubs entstehen. Und die Polizei wird dann auch in Zukunft den Menschen etwas entziehen müssen, das sie als ihr Grundrecht empfinden. Das sollten wir vermeiden.

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