Corona-Brief Nr. 1

Besser blind?
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann war der „schwarze Tod“ blind. Das heißt, den Pestepidemien im Mittelalter fielen Menschen aller Altersgruppen und aller Stände gleichermaßen zum Opfer. Es gab keine biologische und keine soziale Differenzierung in mehr oder weniger betroffene Gruppen, und niemand konnte sich wirksam schützen, weil keinerlei Einsicht in die Übertragungsmechanismen bestand. Erst fünfhundert Jahre später, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wurden Ratten und Flöhe als Überträger identifiziert und Gegenmittel entwickelt. Bis dahin kursierten allenfalls vage Theorien über eine Vergiftung der Luft durch „Miasmen“. Der wenig hilfreiche Irrglaube hat sich bis heute in einer Redewendung erhalten, deren historischer Bezug den meisten Sprechern kaum bewusst sein dürfte, wenn sie von „verpesteter Luft“ sprechen. Als einziges sinnvolles Abwehrmittel gegen die Ausbreitung der Epidemie wurde im Mittelalter die Quarantäne (französisch: eine Vierzigtagesfrist) eingeführt und praktiziert; allerdings wurden nur Menschen oder Schiffe in Quarantäne genommen und nicht die Ratten als die sehr viel gefährlicheren Überträger.
Ich wiederhole es: Die Pest tötete wahllos. Alter, gesundheitlicher Allgemeinzustand oder gesellschaftlicher Rang spielten dabei keine besondere Rolle. Ratten waren damals allgegenwärtig, und von Flöhen wurde jeder gebissen, egal ob er auf der Straße schlief oder im Alkoven eines Schlosses. In den großen Epidemien des Mittelalters löschte die Pest einen bedeutenden Anteil der Bevölkerung in Europa aus; Schätzungen liegen bei einem Drittel und darüber. Sie veränderte soziale, ökonomische und politische Strukturen. Das Ende des einheitlich religiös geprägten Mittelalters sei, so habe ich gelesen, wesentlich durch die Pest initiiert worden. Tatsächlich war damals nach der Pest (wie es jetzt für die Zeit nach Corona prophezeit wird) nichts mehr wie zuvor; das reichte vom Autoritätsverlust der katholischen Kirche, die weder Hilfe leisten noch Trost hatte spenden können, bis hin zur tiefgreifenden Umgestaltung ökonomischer Strukturen durch die Reduktion der Bevölkerung.
Die Pest war also blind. Sie tötete ohne Ansehen der Person. Man erinnert sich an die Justitia, die den Menschen nicht ansieht, den sie richtet.
Corona hingegen ist offenbar nicht „blind“. Die neue Pandemie scheint ein Auge, vielleicht sogar beide Augen auf bestimmte Teile der Bevölkerung zu richten. Hier bei uns in Europa sind es insbesondere alte und, wie es jetzt immer heißt, „vorerkrankte“ Menschen. Das Durchschnittsalter derer, die in Europa an Corona schwer oder gar auf den Tod erkranken, liegt offenbar über siebzig Jahre, während die überwiegende Anzahl jüngerer Menschen, die sich infizieren, einen milden Krankheitsverlauf erlebt oder sogar symptomfrei ist.
Nach dem, was ich höre und lese, könnte Corona anderswo andere Prioritäten setzen. Ich sehe zum Beispiel einen Bericht über die Lage in den Favelas von Brasilien, der nahelegt, dass in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem und hoher Bevölkerungsdichte besonders die Armen betroffen sind. Was allerdings auch bedeuten könnte, dass bei einer ungehinderten Ausbreitung der Seuche in diesen Ländern deren politische und ökonomische Gesamtverfassung erheblich mehr leiden könnte als unsere. Ein anderer Aspekt: Womöglich erlaubt das traditionell eher autoritäre Klima in Ländern wie China und Südkorea eine schnellere Eindämmung als das liberale des Westens.
Ich weiß nicht, inwieweit das alles Fakten oder Trends oder Theorien sind. Wie soll ich auch mehr wissen als die Epidemiologen, die dauernd sagen, was alles sie nicht wissen. Ich bin nur einer von den Millionen, die den Empfehlungen und den Regeln gemäß zu Hause sitzen und die Nachrichten zur Kenntnis nehmen, die über die Medien verbreitet werden. Draußen scheint die Sonne, wir treffen uns mit niemandem, führen nur unsere Hunde so regelmäßig wie immer in den nahen Wald. Um meine Laune zu bessern, mache ich Touren mit dem Motorroller. Als Schriftsteller ist es bislang nicht allzu schwer für mich, in einer partiellen Quarantäne zu leben. Ich habe weiter zu tun, kann mir selber Aufträge erteilen und erledige die wie immer zu Hause.
Aber ich grüble!
Trifft es mich? Und wie trifft es mich dann? Aus den Meldungen versuche ich den Grad meiner Gefährdung zu bestimmen. Ich bin 63 Jahre alt und habe infolgedessen nicht die körperliche Verfassung eines 33-jährigen, der sich gesund ernährt und Sport treibt, leider. Andererseits haben meine Lungen mir noch nie Probleme bereitet, und ich rauche nicht. Ich habe wohl keine Corona-relevanten Vorerkrankungen, aber weiß ich das wirklich so genau? Den Kontakt mit anderen Menschen kann ich sehr weitgehend vermeiden, doch womöglich macht mich das gelegentlich auch allzu sicher und unvorsichtig. Gestern habe ich das Händewaschen vergessen, als ich von einer Besorgung zurück kam.
Mit anderen Worten, ich weiß nicht, wie Corona mich ansieht. Aber ich grüble darüber, denn ich spüre, dass die Krankheit mich ansieht. Offenbar ist sie nicht blind wie die Pest; und was ich höre, bestärkt nur meine Vorstellung, sie betreibe ihre ganz speziellen Selektion! Drastisch ausgedrückt: Ich fürchte mich davor, demnächst an einer Rampe zu stehen, wo jemand, der für diese Selektion zuständig ist, in Sekundenbruchteilen entscheidet, ob ich zu denen geschickt werde, die erkranken oder gar sterben müssen, oder ob ich eine Lizenz zum Weiterleben bekomme.
Ich versuche, diese Szenerie zu verdrängen. Ich will in meinen Vorstellungen das Bild von Rampe und Selektion vermeiden. Bin ich der einzige, der das versucht? Oder tun es womöglich alle?
Denn es ist doch fatal, der Krankheit Augen zu geben. Hinter Augen sitzt nämlich immer ein Bewusstsein, in dem man eine Absicht vermuten könnte. Ein System, einen Plan.
Was für einen Plan könnte Corona haben?
Man muss wohl nicht besonders depressiv sein, um darauf allerlei grausame Antworten zu finden. Als erstes drängt sich mir diese auf: Seit geraumer Zeit versuchen wir hierzulande mit dem Euphemismus „demographischer Wandel“ den Umstand zu umschreiben, dass die Überalterung unserer Gesellschaft immer größere soziale und ökonomische Probleme aufwirft. Zu wenige junge Menschen müssen zu viele alte versorgen. Es fehlt an Geld und Personal für diese Versorgung. Darüber hinaus beschert die ständig steigende Lebenserwartung den Alten und Hochbetagten ein Leben außerhalb von Familienkontexten und ein Leben mit schweren Erkrankungen, die bei geringerer allgemeiner Lebenserwartung eher selten waren. So ist das „Resultat“ einer nicht übermäßig belastenden Lebensführung, guter Ernährung und ausgezeichneter medizinischer Versorgung heute vielfach, dass das Leben nicht mit einem „guten Tod“ endet, sondern mit einer langen Phase der Demenz.
Und jetzt Corona! Es steht zu befürchten, dass sie durch die Alters- und Pflegeheime geht wie einst der schwarze Tod durch die mittelalterlichen Städte ging. Macht Corona hierzulande den „demographischen Wandel“ rückgängig? Oder „bestraft“ sie die Träger moderner Zivilisationskrankheiten? Nimmt sie die Errungenschaften der lebensverlängernden Medizin zurück?
Und anderswo in der Welt? Werden jetzt Staaten mit schlechtem Gesundheitssystem und schwacher Infrastruktur „gestraft“, Staaten, in denen anarchische oder bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen? Müssen dort zunächst die Armen für die Fehler der Reichen und der Machthaber büßen, bevor der Staat als Ganzes ins Chaos? stürzt
Ich habe im vergangenen Jahr einen Roman veröffentlicht, in dem einem Menschen an einem Tag alles genommen wird, wie einst hier. Hartmut Trössner in „Rückwind“ glaubt zwar nicht an Gott oder himmlische Strafen; dennoch schaffte er es nicht, sein gewaltiges Unglück als einen „negativen Sechser im Lotto“ zu verstehen, also als schieren, bedeutungslosen Zufall.
Ähnlich geht es jetzt seinem Autor. Der „aufgeklärte“ Mensch in mir bekämpft mit aller Kraft den Gedanken, Corona „sehe“ etwas, „wolle“ etwas bewirken oder gar „bestrafen“.. Aber spätestens dann, wenn ich versuche, mich selbst mit allerlei Gründen auf die sichere Seite zu denken, auf die Seite derer, die Corona verschonen wird, bestätige ich damit implizit die Selektivität der Krankheit. Und schon droht wieder die Vorstellung von ihren Absichten. Das treibt mich um.
Zum Schluss noch eine Frage an mich selbst. Wenn ich wählen könnte, wer an der Rampe selektiert: einer, dem gegenüber ich Argumente vorbringen kann, oder einer, der blind ist. Wen würde ich wählen?

Kommentare

Lieber Burkhard,
so sehr es mich freut, dass ich endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von Dir erhielt, so sehr erstaunt mich, wie Du die Covid19 Pandemie siehst. Ohne Dich belehren zu wollen, rate ich Dir, den „Feind“ (Corona), genauer und womöglich leidenschaftsloser zu betrachten. Du sollest besser nicht darüber spekulieren „wie Corona“ Dich „ansieht“, sondern den Spieß (oder die Kronenzacken) umdrehen und stattdessen Corona (das winzig kleine Virus) in den Blick nehmen, was ja nicht einmal unter einem handelsüblichen Mikroskop möglich wäre. Doch immerhin sind die Viren, auch das Covid19-Virus, microbiologisch recht gut erforscht, sodass man sich diesbezüglich belesen kann.
Verliert ein solcher (Menschheits-)Feind seinen Schrecken, wenn man ihn so gut wie möglich kennt? Ich denke ja, denn ich bin, Du weißt es, „medizynisch“ interessiert, schon immer. Zu Deiner Beruhigung (oder Beunruhigung?): Das Corona-Virus kann Dich gar nicht ansehen; es hat im Unterschied zu Dir weder Augen noch Verstand, nicht einmal einen Zellkern hat es, nur eine Erbmasse (Virale DNA) mit einer Hülle drumherum. Es ist dümmer als jedes Pantoffeltierchen und ohne Wirtszellen stirbt es binnen Stunden. Schon ein Tropfen Spüli zerstört die dünne Fettschicht, die es – außerhalb eines Wirts voller potenziell befallbarer Zellen – schützt.
Nun muss ein Feind, um verheerend zu wirken, nicht intelligent und autonom sein (wir erleben es gerade), aber beherrschbar ist er doch. Du tust das richtige, meidest Infektionsquellen (Mitmenschen), wäschst Dir die Hände, trägst beim Einkaufen Mundschutz, respektierst Dein Alter, akzeptierst mithin Deinen „erhöhten Gefährdungsgrad“.
Und nein, die Pest (es gibt sie noch!) war nicht „blind“; aber anders als Covid19 wurde und wird diese Krankheit durch ein Bakterium ausgelöst. Und Bakterien lassen sich, Theodor Billroth und Alexander Fleming sei Dank, mit Antibiotika wirksam bekämpfen. Nicht einmal die mittelalterliche Pest hat wahllos (blind) jeden Menschen getötet, einige, in dem Fall oftmals gerade jene, die sich um die Pestkranken kümmerten, überlebten auch. Ältere, schwache Menschen in schlechtem Ernährungs- und Allgemeinzustand starben „zuverlässiger“ als gutgenährte, junge. Die Flöhe, die aus Mangel an lebenden Wirtstieren (die ja schnell rar wurden) von den bereits der Pest zum Opfer gefallenen Ratten auf die (Ratten biologisch gar nicht so unähnlichen) Menschen übersprangen, gab es in den Gassen voller Unrat zuhauf. Und richtig, Ratten gab es auch in den Häusern, sogar in den vornehmen, nur eben doch nicht so viele; denn die Reichen hielten sich Katzen und Dienstboten, die Jagd auf die Haus- und Wanderratten machten. Menschen jedes Standes (mehr Arme als Wohlhabende) starben nicht, weil die Pest blind war, sondern weil sie, die Menschen, blind waren, genauer, den Erreger, den Übertragungsweg und das wirksame Heilmittel (Penicillin) noch nicht kannten.
Und ja, Corona „selektiert“, allerdings nicht „zielsicherer“ als die Pest es tat (und tut). Corona meint es auch nicht persönlich, hat es nicht speziell auf Alte, Vorerkrankte abgesehen. Das wäre – aus der Perspektive des Virus – evolutionär kontraindiziert. Die Alten, multipel Vorgeschädigten, die Raucher, COPD-Kranken, Diabetiker, Herzinfarktgefährdeten, Krebspatienten, …, können es nicht lange genug multiplizieren, also weitergeben, weil sie eh isolierter sind als die jungen und weil deren Organismen, einmal von Covid19 befallen, allzu bald aufgeben. Insofern täte sich das dies Virus sich keinen Dienst, wenn es sich vorsätzlich auf die Alten stürzte.
Und nun noch zu jener Frage, die Du an den Schluss Deiner essayistischen Überlegungen stellst und die mich, als Bild, nun wirklich verstört. Ich meine den Begriff „Selektion“ im Kontext mit dem Begriff „Rampe“. Die Corona Pandemie ist nicht Auschwitz. Ein Virus, und sei es derart fies, gefährlich, unberechenbar (eben komplett unmenschlich) wie Covid19, ist weder Faschist noch Rassist, eher im Gegenteil …
Also bewahre, so gut es geht, die Ruhe, befolge die Vorsorge-Empfehlungen (machst Du ja), spaziere mit Deinen Hündchen hinaus in den Frühling, lies wieder einmal Camus (wenn Du es nicht schon getan hast) und mehr zum Thema Virologie.
Aus ihrer Weddinger Isolationshaftanstalt grüßt Dich sehr herzlich
Deine alte Freundin Katja

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