Corona-Brief Nr. 43

Zweimal Kopfschmerzen. Ein Rätsel (18. April 2021)

Ich schildere im Folgenden zwei Kopfschmerzattacken, die mich einmal getroffen haben.

Der erste Kopfschmerz:

Er überfiel mich im Laufe der Nacht. Ich wachte auf und fühlte mich sofort, ohne jede genauere Prüfung, zu allem und jedem unfähig. Der Schmerz in meinem Kopf war schwer zu beschreiben, und eigentlich fühlte sich mein Kopf gar nicht wie mein Kopf an, sondern wie etwas, das sich unerlaubterweise an der Stelle meines Kopfes befand, dort gar nicht hingehörte und sich über die eigentlichen Funktionen meines Kopfes bestenfalls lustig machte. Ich verbrachte eine geraume Zeit im Bett mit dem Nachdenken (so man das Nachdenken nennen konnte) darüber, was ich als nächstes tun sollte bzw. konnte.

Irgendwann schaffte ich es ins Badezimmer, auf allen Vieren, sicherheitshalber, um den Kopf (oder dessen höhnischen Ersatz) nicht allzu weit über den Fußboden zu bringen, in der Sorge, er könnte bei einem Sturz aus größerer Höhe beschädigt werden. Ich rätselte nicht darüber, wo mein eigentlicher Kopf sich befand; das wollte ich gar nicht wissen. Im Badezimmer wand oder wuchtete ich mich über den Rand der Badewanne, um heißes Wasser einzulassen, und folgte dann irgendwie dem Strom in das unbeteiligte Emaille. Das einigermaßen positive Gefühl, das heiße Wasser könnte mir irgendwie gut tun, wurde leider konterkariert durch die Angst, ich könnte es nicht mehr aus der Badewanne hinaus schaffen. Als ich es (nach wie langer Zeit?) doch schaffte, fehlt mir die Kraft, vor Glück zu weinen. Ich kroch wieder ins Bett, und dort verging die Zeit ohne mein Zutun. Irgendwann bemerkte ich, dass mein richtiger Kopf wieder an der alten Stelle saß. Allerdings tat er weh. Ich nahm Tabletten, und der Schmerz ließ allmählich nach.

Der zweite Kopfschmerz:

Er schlich sich im Laufe des Nachmittags an mich heran, tat dabei aber eher harmlos, und als er mich dann vollkommen überwältigt hatte, hatte ich es gar nicht richtig gemerkt. Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit irgendetwas Schwerem ausgegossen, Beton oder vielleicht Blei. Doch damit nicht genug, war zusätzlich etwas Schweres um meinen Kopf herumgelegt, ein eisernes Band oder eine Schale aus dem schon erwähnten Beton. Die mit diesen Maßnahmen verbundenen Schmerzen waren so lange einigermaßen auszuhalten, wie ich mich vollkommen ruhig verhielt. Aber jede Bewegung und insbesondere der Versuch, den Kopf zu drehen oder zu neigen, löste extrem unangenehme und beängstigende Folgen aus. Nicht nur nahm der Schmerz bei jeder Bewegung zu, dazu kamen skurrile Veränderungen der Wahrnehmung, die als komisch oder lustig zu empfinden mir allerdings nicht gelang. So verzögerte sich etwa das Nachfolgen der wahrgenommenen Bilder aus der Außenwelt beim seitlichen Drehen des Kopfes. Dieses Phänomen ist mit digitalen Filmtricks leicht zu erzeugen, und jeder hat es schon einmal gesehen. Aber was auf Display und Mattscheibe ganz attraktiv sein mag, war als unmittelbarer Sinneseindruck hochgradig beängstigend.

Sobald ich dazu in der Lage war, brachte ich mich in eine möglichst ruhige Umgebung. Ein kaltes Handtuch auf der Stirn wirkte lindernd, womöglich weniger wegen der Temperatur und mehr wegen des Gefühls einer gewissen Zärtlichkeit, das davon stimuliert wurde. Als ich mich dann schließlich in die Dunkelheit des nächtlichen Schlafzimmers begab, stellt sich leider heraus, dass das vollkommene Fehlen von optischen Eindrücken die Sache nicht besser machte, sondern zu Schwindel, besser: zu Angst vor Schwindel führte. Also verbrachte ich eine schlaflose Nacht im Halbdunkel, dankbarkeit ob des Umstandes, dass die Möbel sich in der Regel nicht selbstständig bewegen. Am nächsten Morgen schwächten sich alle Phänomene ebenso rasch und diskret ab, wie sie sich zuvor aufgebaut hatten.

Beide Kopfschmerzen habe ich billigend in Kauf genommen, als ich mich im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte (haha!) zu zwei sehr spezifischen Handlungen entschied. Einmal war es die Corona-Impfung mit dem gerade nicht so gut beleumundeten Impfstoff AstraZeneca, der ich mich freiwillig (und ein bisschen heldenhaft, jedenfalls in der Eigenwahrnehmung) unterzog, um damit zur allgemeinen Immunisierung beizutragen. Ein andermal war es der Genuss mehrerer Gläser Tequila, zu dem ich mich (blöderweise, allerdings nicht in der Eigenwahrnehmung) entschloss, um mit der attraktiven Barkeeperin in einem Wiener Club im Gespräch zu bleiben.

Nun dürft ihr, dürfen Sie raten! Was machte welche Kopfschmerzen? Und vielleicht die Zusatzfrage: Was nimmt der Mensch warum in Kauf? Jede Einsendung erhält eine freundliche Antwort.

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